Der Werber-Rat
Beziehungsstatus: Kompliziert!

Klowände, Schminkspiegel und andere Holzschnitte – vom Flirt mit digitalen Möglichkeiten. Oder warum Werbung heutzutage mehr ist als knappe Botschaften für das kollektive Bewusstsein.
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Das Internet, dieses zickige Ding, hat es nicht leicht mit den Werbern. Stellvertretend mag dafür Jean-Remy von Matt stehen, der „Mad Man“ par excellence. Vor neun Jahren brach sich in einer internen E-Mail sein Frust über harsche Onlinekommentare mit dem Aufschrei Bahn, Blogs seien „die Klowände des Internets“. Das Zitat schaffte es bis in die „New York Times“.

Jetzt hat er seine Zuneigung zum größten sozialen Netzwerk entdeckt und Facebook im Gespräch mit der Zeitschrift „Horizont“ als „Schminkspiegel des Internets“ etikettiert – und meinte das liebevoll.

Als Macher und Überwacher großartiger Kampagnen ist von Matt immer auch für Zitierfähiges gut. Natürlich ist er zu klug, um diese Überspitzungen selbst ernst zu nehmen. Niemand seines Formats ist so unreflektiert, dass er wirklich alle Möglichkeiten und Risiken eines so komplexen Gebildes auf eine schmale Begrifflichkeit reduzieren würde. Noch dazu auf eine – bei näherer Betrachtung – so uncharmante, die als Hauptantrieb nur Eitelkeit der Nutzer annimmt.

Geniale Verdichtungen zu erzeugen ist seine zweite Natur. Botschaften, die mit einem Satz oder Bild ins kollektive Bewusstsein fahren und sich dort verhaken. Darum ging es ja in der Werbung immer.

Darum geht es aber immer weniger, seit Kommunikation auch digital geworden ist. Es geht um Beziehungen zwischen Menschen. Darum, nützlich und hilfreich zu sein, zu lernen und besser zu werden. Facebook-Vertreter werden über das von Matt’sche Etikett kaum verzückt gewesen sein.

Versucht das Unternehmen doch gerade in Zeiten von WhatsApp, Snapchat oder Xing, seinen Kommunikationswert jenseits zuckriger Ostergrüße zu belegen. Etwa als Zielgruppen-Werkzeug, um auch Geschäftsleute zu erreichen.

Der Flirt mit den digitalen Möglichkeiten hat gerade erst richtig begonnen. Versemmeln wir doch als Kommunikations-„Experten“ nicht die gemeinsame Zukunft durch holzschnittartige Kategorisierungen, die Auseinandersetzung verhindern, statt sie zu befeuern. Und das, noch bevor wir auch nur einen echten Höhepunkt erlebt haben. Lassen wir uns aufeinander ein - ist doch gar nicht so kompliziert!

Der Autor: Torben Bo Hansen ist Mitinhaber der Agentur Philipp und Keuntje. Er ist einer von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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