Der Werber-Rat: Burnout wird zum Wettbewerb

Der Werber-Rat
Burnout wird zum Wettbewerb

Wer Leistung zeigen will, muss sich anstrengen. Wer sich ewig anstrengt, leidet früher oder später unter Burnout. Statt die Flucht aus diesem Kreislauf zu probieren, brüstet der Mensch sich sogar noch mit seiner Erschöpfung.
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Neben der grippalen Anfälligkeit im Winter zeigt sich in Deutschland derzeit häufiger noch ein weiteres Symptom: die Erschöpfung. Früher gab es häufiger die Diagnose Erschöpfungsdepression. Entscheidend dabei ist nicht nur die Arbeit, die zur Erschöpfung beigetragen hat. Entscheidend ist auch die persönliche Ohnmacht, keinen Ausweg aus der misslichen Situation zu finden.

Stellt sich Traurigkeit ein bei dem Gedanken, dass die Tortur sich fortsetzt bis in alle Ewigkeit, dann spricht man von einer Erschöpfungsdepression, heute inflationär als Burnout bezeichnet. Zwar ist dieser Begriff noch nicht final mit einem Krankheitsbild hinterlegt, aber es darf angenommen werden, dass es viele Überschneidungen gibt.

Allerdings ist kaum zu vermuten, dass die Menschen derzeit mehr Arbeit oder mehr Nöte haben als die damaligen Trümmerfrauen oder die Bergbauern mit ihren kargen Böden. Das Bedrückende ist heute eher "gefühlt".

Denn inzwischen sind Leistungsfähigkeit und Jugendlichkeit bis ins hohe Alter zentrale Werte. Wir konkurrieren nicht nur beruflich darum, wer mehr zu tun hat oder mehr Aufgaben gleichzeitig erledigen kann. Privat reden wir auf 50. Geburtstagen stolz über persönliche Marathonbestzeiten und Skiurlaube auf der Off-Piste. Im Nebensatz wird bemerkt, dass alle deutlich jünger aussehen als sie sind. Bis auf Helmut (Name frei erfunden), aber der sieht auch schon seit Jahren alt aus. Zugleich verspüren wir jedoch, dass auch unsere Reserven einmal erschöpft sind. Im nationalen und im persönlichen Rahmen.

Unbewusst erleben die Deutschen die Mitverantwortlichkeit für die Schulden vieler Länder als bedrückend. Und um persönlich leistungsfähig zu bleiben, müssen wir uns paradoxerweise immer mehr abverlangen, uns fit halten, uns ein Leben lang weiterbilden und länger arbeiten.

Um zu demonstrieren, wie sehr wir uns anstrengen, entwickeln wir Burnouts. Der Erschöpfungsgrad ist beinahe schon so etwas wie ein eigenes Leistungsmerkmal. Es gibt einen regelrechten Erschöpfungswettbewerb. Je erschöpfter wir sind, desto mehr haben wir geleistet.

Zentral ist nun die Prognose: Schöpfen wir aus der Erschöpfung neue Kraft für ein weniger wettbewerbsorientiertes Leben? Oder haben wir das Gefühl, dass es immer so weitergeht? Dann schliddert Deutschland in eine echte Depression.

Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons. Sie ist eine von fünf Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons. Quelle: Ulrike Reinker
Ines Imdahl
/ Psychologin, Inhaberin Rheingold Salons

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