Der Werber-Rat
Cannes für Werber

Wenn sich die Werbebranche in Cannes trifft, wird eine Party nach der anderen gefeiert. Aber das Werbefestival bietet für Kreative noch deutlich mehr.
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„Sehen wir uns in Cannes?“ Das ist eine der häufigsten Fragen unter Agenturleuten in diesen Tagen. Wer zum Werbefestival in Cannes fahren will, muss tief in die Tasche greifen. Allein der Festival-Pass kostet mindestens 2 000 Euro, Hotel und Verpflegung kommen hinzu. Da verzichtet ein großer Teil der Besucher lieber auf den teuren Festivalpass und konzentriert sich auf das illustre Rahmenprogramm: unzählige Einladungen und Partys. Veranstalter sind überwiegend Zulieferer der Agenturen, etwa Filmproduktionen, die vom Rosé zum Mittagstisch bis zum Champagner am Abend alles spendieren.

Ein Indiz dafür, dass Cannes den Ruf einer Riesenparty hat, liefern die Zahlen: aus Deutschland stammen nur 200 der 12 000 akkreditierten Besucher, und nicht einmal sechs Prozent der eingesendeten Arbeiten kommen von hier. Mancher Agenturchef sieht vor seinem geistigen Auge Mitarbeiter im Rosé-Rausch über die Croisette wanken, von Party zu Party stiefeln und nebenbei Werbung bejubeln, die einzig und allein für Festivals wie dieses hergestellt wurde. Gefühlter Realitätsbezug: null. Gefühlter Wert der Anwesenheit: minus eins.

Die schlechte Nachricht: So ist es in vielen Fällen tatsächlich. 50 Prozent der Festivalgänger sehen in Cannes außer Party-Locations und tollen Sonnenuntergängen vor allem eines: zu tief ins Glas. Die anderen 50 Prozent der Besucher jedoch gehen von morgens bis abends zu Veranstaltungen und kommen statt mit einem Kater mit einem Berg wertvoller Inspiration zurück: Kreative Köpfe wie Rem Koolhaas, Annie Leibovitz und Vivienne Westwood halten Vorträge. Firmen wie Microsoft, Google, Yahoo oder Spotify präsentieren Trends. Einer der wichtigsten Gründe, nach Cannes zu kommen, ist der Austausch mit Kollegen aus aller Welt, was gleichermaßen den Kopf und den Horizont öffnet. Wie beim Genfer Autosalon oder der Pariser Fashion Week steht nicht nur im Fokus, was heute geht, sondern auch, was morgen gehen könnte.

Dieser Teil des Festivals ist es, der von Jahr zu Jahr mehr Unternehmen zu der Kreativ-Olympiade lockt. Cannes kann sich also lohnen. Für die ernsthaft Interessierten ist es ein inspirierendes Festival. Für die Party-Freunde ist es eine Riesen-Sause. Und für die ganz Tapferen ist es sogar beides.

Der Autor:

Stefan Kolle ist Geschäftsführer Kreation der Agentur Kolle Rebbe in Hamburg. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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