Der Werber-Rat
C’est formidable!

Nur wer die Courage hat, sich von den hausgemachten Verkrampfungen zu lösen, kann die Leichtigkeit des Seins entdecken.
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Ein französisches Ehepaar wünschte sich sehnlichst ein Kind, leider lange vergeblich. Schon wollte es aufgeben. Da – endlich – gelang dem Paar ein Knabe, und sie waren grenzenlos selig. Sie suchten für ihn nach einem Namen, der ihr Glück zum Ausdruck bringen würde, und so nannten sie ihn „Formidable“, das französische Wort für „großartig, erstaunlich, wunderbar“.

Bald stellte sich allerdings heraus: Der kleine Formidable war und blieb ein schwacher und ängstlicher Winzling. Klar, dass er ständig verspottet wurde, wo immer er seinen Namen nannte, in der Schule, im Verein, im Betrieb. Und er litt sehr darunter, sein Leben lang.

Im hohen Alter bat er deshalb seine Frau, wenigstens auf seinem Grabstein den verfluchten Namen wegzulassen. Sie versprach es, und so ließ sie eines traurigen Tages nur einen kurzen Satz auf den Stein meißeln: „Er war immer treu.“

Und alle Leute, die es lasen, riefen mit Erstaunen und Bewunderung: „Oh, c’est formidable!“

Eine treffliche Parabel, wie ich finde. Sie erzählt von der Leichtigkeit des Seins, wenn man erst einmal die Courage hat, sich von den hausgemachten Verkrampfungen zu lösen. Das gilt auch in der Politik. Vollmundiges und pauschales Behaupten der eigenen Leistung weckt immer den maliziösen Hinweis auf die Defizite. Mit Schaum und Getöse kann niemand mehr punkten. Die Leute spüren die Absicht und sind verstimmt.

Wer aber ein Teilproblem löst und klar bekennt, wie viel noch zu tun bleibt, der findet Zustimmung. Niemand glaubt an eine widerspruchsfreie Welt, denn alle wissen es besser. Sie wollen eine „neue Sachlichkeit“, besser noch: eine „neue Bescheidenheit“.

Die entdeckt das menschliche Maß. Sie hört geduldig zu, bevor sie ihren Beitrag formuliert. Sie tauscht den „Triumph des Augenblicks“ gegen den „Glanz der Dauer“ (Ortega y Gasset). Sie ist nicht Strategie, sondern Haltung.

Wie der kleine „Formidable“ leidet sie unter der Diskrepanz zwischen Realität und Pose. Was sich am Ende lohnt, ist die wohlwollende und hellsichtige Treue zu den Menschen. Sie spüren: Da ist einer, der in langer Perspektive denkt. Ungewollt, aber nicht ahnungslos treffen sie den Punkt, wenn sie ausrufen: „Oh, c’est formidable!“

Der Autor:

Bodo Hombach ist Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik und Vorstand der Brost-Stiftung. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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