Der Werber-Rat
Das größte Netzwerk der Welt

Sie sind die heimlichen Stars des Internets: Die gelangweilten Beschäftigten, die während ihrer Arbeitszeit die sozialen Netzwerke am Laufen halten. Mit Klickzahlen, von denen Werber nur träumen.
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Ein Reissack fällt in China um. Die gute alte Redensart für langweiliges Zeug, das keine Sau interessiert, stimmt heute nur noch bedingt. Der Zusatz „weil eine kleine süße Katze an ihm herumspielt“ garantiert dem Reissack nämlich mit ziemlicher Sicherheit das Interesse von rund drei Millionen Menschen. Im Internet.

Vier bis sechs Millionen werden es sein, wenn er umfällt, weil in der Nähe ein Erdbeben wütet. Langeweile spielt bei diesem Phänomen dennoch eine Rolle, zumindest nach Einschätzung von Jonah Peretti, dem Gründer von Buzzfeed und Huffington Post. Der sagt, dass der größte Content-Produzent unserer Zeit nicht etwa News-Agenturen oder Mediakonzerne sind. Sondern das BWN - das „Bored Workers Network“. Das Netzwerk der gelangweilten Mitarbeiter, die während ihrer Arbeitszeit Witze, Tier-, Kinder- oder Katastrophenfilme oder tagesaktuelle Momentaufnahmen im Netz teilen, um ein schnelles Feedback von anderen Menschen zu bekommen: einen hochgereckten Daumen, ein „Haha, großartig!“ oder - der Ritterschlag - mehrfaches Teilen.

Gelangweilte Menschen sehnen sich nach Anerkennung, so könnte man den Motor des BWN beschreiben. Auf diese Weise produziert das BWN heute am Tag mehr Inhalte als Reuters in einer Woche. Der Weg, auf dem sich Inhalte verbreiten, hat sich um 180 Grad gedreht: Früher schwappten sie von den klassischen Medien in die sozialen Netzwerke. Heute geht es andersrum. Bestes Beispiel: das legendäre Oscar-Selfie von Samsung. Das kostet: Für das Oscar-Selfie zahlte Samsung eine schöne Stange Geld, die Edeka-Kampagne wurde mit einem ordentlichen Budget geseedet.

Doch sollte, wer vom „viralen Marketing“ träumt, die Mechanismen des BWN beherzigen. Im BWN verteilt sich alles in Windeseile, was menschlich berührend ist: Tagesaktuelles (zum Beispiel die Tasse, die beim Erdbeben in San Francisco umkippt), alles mit Tieren, Humor und interessanterweise alles rund ums Thema Menschenrechte. Das Beste am BWN - jeder hat Viral-Experten aus diesem Netzwerk im eigenen Haus. Die Mitarbeiter, die Sie seit Monaten im Verdacht haben, eigentlich den ganzen Tag nichts zu tun - sie könnten die Könige des BWN sein. Sprechen Sie sie doch mal an.

Der Autor:

Stefan Kolle ist Geschäftsführer Kreation der Agentur Kolle Rebbe in Hamburg. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Das größte Netzwerk der Welt"

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  • ich habe schon vor jahren eine studie gemacht und mich vormittags im www mit menschen unterhalten.
    Was für menschen schrieben mir? Grob gesagt zu 2/3 waren es "bedienstete" im öffentlichen dienst. Vom gerichtsdiener bis zur banktante waren alle dabei. Selten waren es arbeitslose.

    Dank telefonflatrates hat sich das ganze nun verschoben. Gerade frauen im öffentlichen dienst telefonieren heutzutage solange bis der akku klingelt. Aber die arbeitgeber sind ja pfiffig. Privattelefonate am diensttelefon werden überprüft. Schade nur das niemand dank flatrate kein diensttele benutzen muss. Somit heisst es offiziell: beamte telefonieren im dienst nicht privat!
    So die statistik!

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