Der Werber-Rat
Das große Mysterium der Quoten

„Tatort“ oder „Rosamunde Pilcher“? Britta Poetzsch jedenfalls fragt keiner – und auch sonst kennt sie Niemanden der per Quotenmessgerät die deutsche Fernsehlandschaft mitbestimmt. Entscheiden also doch die Erdmännchen?

Zu den großen Mysterien gehört, wie die Zuschauerquoten gemessen werden. Mir ist das unerklärlich. Wie findet man heraus, dass der Tatort von 11,5 Millionen gesehen wurde und der Rosamunde-Pilcher-Film nur von 11,2? Jeden Tag verkünden die Newsletter der Kommunikationsbranche, wer der Sieger des Abendprogramms war. Moderatorenkarrieren hängen davon ab. Serien werden eingestampft. Shows abgesetzt. Wenn immer die Volksmusiksendungen mit Florian Silbereisen gewinnen, dann bekommen wir auch nur noch Volksmusiksendungen mit Florian Silbereisen zu sehen.

Dabei habe ich in meinem über 50-jährigen Leben noch nie jemanden getroffen, der so ein Messgerät zu Hause hat. Und wie reagiert das Ding, wenn man fröhlich hin und her zappt? Zählt es dann die Minuten, die man bei einer Sendung verbracht hat, und die mit den meisten Minuten ist dann der Sieger des Abends? Noch mysteriöser finde ich, dass ich auch keine Bekannten habe, die wiederum Bekannte haben, die so ein Gerät haben.

Ich werde zwar ständig zu Hause zu allen möglichen Themen telefonisch belästigt, aber noch nie hat mich jemand gefragt: „Wo waren Sie gestern Abend um 20.15? Beim Tatort? Oder im Pilcherland?“ Das ist doch seltsam.

Wahrscheinlich sitzt irgendwo in einem stillen Kämmerlein eine lustige Runde und wirft Pfeile auf ein Blatt mit den Sendungen des Tages. Vielleicht lassen sie auch eine Gruppe Erdmännchen im Zoo entscheiden. Wenn die auf einem Bild von Nuschel-Nick Tschiller (Til Schweiger) länger verweilen, kriegt der die zweistellige Millionenquote.

Bei den privaten Sendern zahlen Werbetreibende für jede Sekunde im Werbeblock. Je besser die Quote, umso teurer die Werbezeit. Wäre doch witzig, wenn das alles von Erdmännchen abhängen würde. Aber bei den undurchsichtigen Geschäften von Mediagenturen wäre sogar das vorstellbar.

Die Autorin: Britta Poetzsch ist Global Creative Director der Agentur Ogilvy. Sie ist eine von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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