Der Werber-Rat
Der Scherzkeks

Bahlsen streitet ab, etwas mit dem Diebstahl des goldenen Leibniz-Keks durch das Krümelmonster zu tun zu haben. Dabei wäre die werbeträchtige Aktion doch so schönes Guerilla-Marketing.
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Guerilla-Marketing ist ein Zauberwort jeder Kampagnenpräsentation. Eine ungewöhnlichen Vermarktungsaktion mit der magischen Fähigkeit, bei geringstem Mitteleinsatz gewaltige Wirkung zu erzielen. In Hannover sehen wir, wie wirkungsvoll Guerilla-Marketing sein kann. Jeder Marketingleiter kann sich eine Scheibe vom Leibniz-Keks abschneiden.

Dieser ist das Markenzeichen der Firma Bahlsen. Stolz baumelte der Keks als Zwanzig-Kilo-Aushängeschild goldig glänzend über dem Eingangstor in Hannover. Bis Mitte Januar. Dann wurde das Gebäckstück Opfer eines azurblauen Kidnappers. Das Krümelmonster hatte dies wehrlose Stück in seine haarigen Arme genommen. Es forderte 52 000 Packungen in nichtnummerierten Keksen für Kinderheime. Dann würde der Keks freikommen. Der Unternehmer Werner Bahlsen ließ sich nicht lange bitten und stimmte zu. Die 200-Gramm-Packung für 1,04 Euro unverbindlichen Kaufpreis wurde auf den Lösegeld-Lastwagen gepackt. Ein gefundenes Fressen für die Medien im In- und Ausland. Tagelang waren Keks und Kidnapper das mediale Lieblingsthema. Der Butterkeks schaffte es in die "Tagesthemen" und auf die Titelseite der "Bild". Ganz nach dem Geschmack des Unternehmers. Ein Lösegeld, das gerade mal für 25 Sekunden im Werbeblock gereicht hätte, brachte nun einen medialen Gegenwert im Millionenbereich.

Das Krümelmonster hielt Wort und entließ sein Opfer mit roter Schleife in die Freiheit. Dem Keks geht es den Umständen entsprechend. Noch ist er in Polizeigewahrsam zur Spurensicherung. So wird "Krümelgate" zum Kriminalfall, bei dem es nur strahlende Gesichter gibt: Die Marke ist in aller Munde, der Unternehmer wartet voller Vorfreude auf die Abverkaufszahlen und die Medienauswertung, die Kinderheime haben Butterkekse bis zum Abwinken, und das Krümelmonster, das dieses Jahr mit seiner Sesamstraße 40. Geburtstag feiert, hat sich allen noch mal in Erinnerung gebracht. Selbst Hannover dürfte profitiert haben.

Wir empfehlen Herrn Bahlsen eine "Limited Edition" in Blau und eine Verkaufsaktion mit Promotoren in haarigen Kostümen: "Unser Bestes ist wieder da." Die Agentur sollte die Aktion im Namen des Krümelmonsters bei den Werbefestspielen in Cannes einreichen und den goldenen Löwen fürs Bahlsen Museum spenden.

Bei so viel medialer Resonanz ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Nachahmer aus ihren Löchern kommen: Meister Propper, Dr. Best und der Spee Fuchs sind in Gefahr. Die Markenfiguren sollten Personenschutz beantragen. Es passieren ja die seltsamsten Dinge.

Der Autor:

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Der Scherzkeks"

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  • stimmt,is wirklich ein großes problem,daß die firma nicht selbst auf die idee kam sich raüberisch zu erpressen

    als nächstes werden brennstäbe geklaut und erst wieder zurückgegeben ,wenn das energieunternehmen alle waisenkinder strahlen läßt

    wird zeit ,daß die guerilla sich mal den kommentierenden werbegorilla ausleiht,mal kucken obs was für ihn gibt diesen domestizierten revolutionären ladenhüter und wies dann mit dem groschenfall in seinem oberstübchen aussieht

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