Der Werber-Rat
Der Tüv und die Auflösung der Verantwortlichkeit

Die Deutschen glauben an Siegel und die dadurch vermittelte Sicherheit. Sie schenken ihnen zum Teil mehr Vertrauen als den Marken. Das Tüv-Siegel wird nicht hinterfragt – doch der Tüv zerstört seinen eigenen Mythos.
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Tüv, Stiftung Warentest, Blauer Engel und GS sind nur einige Beispiele. Unternehmen werben mit Siegeln. Sie wollen den Menschen damit Vertrauen und Sicherheit vermitteln. Das macht sich etwa die Versicherungsbranche gern zunutze. Denn da zahlen die Menschen weniger für das Produkt als vielmehr für das Gefühl von Sicherheit. Rankings aus „Finanztest“, „Kapital“ und „Focus Money“ dienen als Werbemittel. Für die Direktversicherung Cosmos sind Siegel und ‚Testsiege‘ seit Jahren überhaupt die einzige Werbestrategie.

An Prüfzeichen hat jeder hohe Erwartungen. Einige werden als objektive, unangreifbare Instanzen verstanden. Etwa das Tüv-Zertifikat. Menschen in Deutschland hinterfragen die Prüfverfahren des Tüvs im Allgemeinen nicht. Was der Tüv abnimmt, sei es Auto oder Achterbahn, ist zumindest nicht lebensgefährlich. Das Tüv-Siegel hat Mythos-Status. Es gilt als zuverlässig und über jeden Zweifel erhaben.

Nun macht ein Gerichtsurteil den Tüv Rheinland für den Brustimplantate Skandal der Firma PIP mitverantwortlich. Dieser hatte das Produkt europaweit zertifiziert. Vermutlich über 100.000 Frauen haben sich von ebenso gutgläubigen Ärzten Tüv-zertifizierte Implantate mit billigem Industriesilikon einsetzen lassen. Von Schlamperei bei den Kontrollen will der Tüv aber nichts wissen, sondern in Berufung gehen. Er habe schließlich ‚nur‘ das Herstellungsverfahren zertifiziert.

Aus Laiensicht ist ein Brustimplantat aber kein komplexes Produkt. Menschen wird kaum zu vermitteln sein, dass ein Herstellungsverfahren unabhängig vom Inhaltsstoff, der genau während dieses Prozesses eingefüllt wird, zertifiziert werden kann.

Mit dem Rückzug aufs ‚Kleingedruckte‘ zerstört der Tüv seinen eigenen Mythos. Denn Menschen, egal ob Frauen oder Ärzte, erwarten vom Tüv etwas anderes als von Industrie und Unternehmen. Es ist eine Art ‚Rundum-sorglos-Packet‘, etwas auf das sie sich ‚blind‘ verlassen können. Die Zertifikate sind nicht selten sogar kaufentscheidend.

Stattdessen hieß es wohl beim Tüv ‚Zertifizieren und Abkassieren‘. Die Verantwortlichkeiten für die Nebenwirkungen hingegen lösen sich ähnlich wie Brustimplantaten nach und nach auf.

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons.

Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons. Quelle: Ulrike Reinker
Ines Imdahl
/ Psychologin, Inhaberin Rheingold Salons

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