Der Werber-Rat
Der WM-Wahn und seine Folgen

Der Turnaround ist geschafft – das Produkt „Deutscher Fußball“ ist heute so attraktiv wie nie. Nach guten Turnarounds folgt das Momentum. Dieses gilt es nun weiter für den deutschen Fußball zu nutzen.
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Es ist endlich vollbracht! 24 Jahre lang mühten sich Nationalmannschaften, die Prophezeiung von Franz Beckenbauer zu erfüllen, dass nach dem (westdeutschen) Titel 1990 das zukünftig geeinte Deutschland auf Jahrzehnte unschlagbar sei. Doch bis auf den EM-Titel 1996 und die Vizeweltmeisterschaft 2002 siechte der deutsche Fußball vor sich hin und befand sich gerade nach dem desaströsen Auftreten bei der EM 2000 in völliger Agonie.

Heute ist von dieser Agonie nichts mehr zu spüren. Deutscher Fußball, so kann man das unbescheiden sagen, ist heute die Benchmark im Weltfußball. Taktische Progressivität, Investitionen in die Nachwuchsleistungszentren, aber auch die Handhabung der Infrastruktur, wie das WM-Quartier, demonstrieren, dass man Erfolg zwar nicht erzwingen, aber durchaus planen kann.

Dass die Nationalmannschaft auch ein Produkt der Vereine ist, ist logisch. Sie arbeitet mit dem, was ihr der FC Bayern, der BVB, Schalke 04 Co. zur Verfügung stellen. Nur dank der Bundesliga konnte Mario Götze das Tor gegen Argentinien erzielen, während Manuel Neuer die Renaissance des Liberos einleitete.

Klar ist, dass die Sponsorenverträge mit der Nationalmannschaft und einigen Spielern in naher Zukunft nicht günstiger werden. Ein Blick auf die sozialen Medien zeigt, dass die Lage noch nie so gut war: Die ganze Welt guckt auf uns. Die Reichweite, die unsere Spieler gerade generieren, bricht alle Rekorde. Gratulations- und Motivationsmotive von Verbänden, Marken aber auch Fans erreichen oft fünf-, wenn nicht sogar sechsstellige Interaktionsraten.

Unsere Helden werden ikonisiert, ihre Tweets und Posts millionenfach geteilt, von Rio über New York bis nach Beijing – mit Angela Merkel, Gerard Butler oder Rihanna. Mein ganzer Newsfeed platzte am Dienstag vor Berlin-Bildern und Helene-Fischer-Selfies.

Ob Liga, Verein, Spieler oder Spielerberater: Wer nun reagiert und das Momentum nutzt, kann schon jetzt nach dem nächsten Coup greifen. Auch meine Wenigkeit profitierte vom WM-Wahn. Vor der WM hatte ich 24.000 Fans auf Facebook, jetzt sind es bereits 34.500. Bei Twitter stieg die Anzahl meiner Follower gar von 8.00 auf 233.000. Und alles was ich zu bieten habe, ist ein kratziger WM-Bart.

Der Autor:
Christoph Metzelder ist Mitinhaber der Agentur Jung von Matt/Sports. Der Ex-Fußballprofi ist einer von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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