Der Werber-Rat: Deutsche Stromrevolution in armen Ländern

Der Werber-Rat
Deutsche Stromrevolution in armen Ländern

Deutsche Technologie und chinesische Preisgestaltung bewirken in den armen Ländern der Welt Wunder - mit Strom aus Sonnenkraft. Photovoltaik ist effektive Entwicklungshilfe.
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Preisverfall bei Solarmodulen. Insolvenz deutscher Firmen. Dumpingpreise der Chinesen. Strompreistreibende Subventionen im sonnenarmen Deutschland. - Das sind hässliche Schlagzeilen.

Aber der Globus hat eine Sonnenseite. Das sind riesige Flächen in Asien, Lateinamerika und Afrika, wo elektrische Energie noch immer exklusive Boutiquenware ist. 1,3 Milliarden Menschen brauchen Tagesreisen bis zur nächsten Steckdose, 2,6 Milliarden kochen mit Holz oder Kuhdung, was die Kohlendioxid-Bilanz verschlechtert und das Land ver"wüstet".

Hier verkürzt der Preisverfall bei Photovoltaik den Abstand zur technischen Zivilisation. Antike Dieselpumpen und Öllampen werden verabschiedet. Plötzlich können sich Dörfer in Botswana, Ghana oder Sambia eine lokale Energieversorgung leisten. Die Sonne geht - sehr viel häufiger als bei uns - überall auf. Sie bringt ihr Angebot direkt zum Verbraucher, ohne Stromtrassen und Umspannwerke. Eine Rechnung schickt sie auch nicht.

Wer hätte das im vergangenen Jahrhundert gedacht. Die deutsche Vorreiterschaft bei der weltweiten Verbreitung erneuerbarer Energie bewirkt - auf dem Umweg über chinesische Preisgestaltung - das vermutlich erfolgreichste Entwicklungshilfeprogramm aller Zeiten in diesem Bereich.

Das ist nicht alles. Wer Strom hat, kann damit auch ein Transistorradio oder einen kleinen Fernseher betreiben. Er kann sich Informationen beschaffen, Weiterbildung, Kommunikation. Kurz: Er kann sich plötzlich Freiheiten herausnehmen, die ihm bisher aus physikalischen Gründen verwehrt waren.

Das bedeutet Emanzipation in kleinen Schritten, die aber aufeinander aufbauen und nicht mehr umkehrbar sind. Politische Freiheit war immer das Ergebnis ökonomischer Spielräume. Der ewige Traum aller Diktatoren, Untertanen so dumm wie möglich zu halten, ist eines Tages ausgeträumt. Sie haben noch andere Mittel, aber ihr Beruf wird schwerer und gefährlicher.

Die großen Revolutionen kamen immer leise. Sie hießen "Zähmung des Feuers" oder "Erfindung der Schrift". Sie hießen auch "Waschmaschine" und "Pille". Sie standen nicht auf dem Papier der Welterklärer, sondern im Skizzenbuch eines Tüftlers. Sie konnten geduldig verkraften, dass zunächst jede Menge Bedenkenträger das Wort führten.

Warum sollten nicht auch mal die Deutschen eine Revolution bewirken, auf dem Umweg über China, aber wohltuend für weite Teile der einen Welt?

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Deutsche Stromrevolution in armen Ländern"

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  • rofl, ja klar.
    Sonst müssen dort ja andere Leute und Firmen den Industrieschrott zerlegen, anstatt die Kinder, die sich davon wenigstens was zum fr*** kaufen können.
    Solange warten die dann mal auf den Bau und die Investition eines "Investors" in Sachen Energiewirtschaft, Leitungen und die Absahner.
    Man, man, manchmal sollte man doch erst in den eigenen Spiegel gucken, bevor man anderen zuviel Sonne vorwirft.

  • @ denker: können sie mir denkend und annalysiernd sagen, wie hoch die Kosten für ein elektrotechnisches Verteilungsnetz in den von Ihnen diskutierten länder afrikas sind? von mir aus können sie auch summieren wie die gesamtkosten kraftwert und vertelungsnetz sind, aber Bitte als zwei Zahlen und die Summe davon!

  • @vandale:
    Sie haben völlig recht. Photovoltaik ist auch in Afrika eine teure Option. Wenn man die Beschaffungs- und Wartungskosten nicht einfach ignoriert, so wie manche Solarfreaks, die ohne Schutz zu lange in die Sonne gestarrt haben - und jetzt blind sind. Anders sieht es bei der thermischen Sonnenenergienutzung aus. Solarkochen und Solartrocknung (z.B: Feldfrüchte) sind auch in Afrika eine realisierbare Option.

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