Der Werber-Rat
Die Doppelmoral der Datenschützer

Es gibt heute einen grenzenlosen Datenhunger. Überall. Doch die eben noch triumphierten, sich Einblick verschafft zu haben, geben sich hysterisch, wenn in ihrem System geschnüffelt wird.
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Als Atomspion Klaus Fuchs Blaupausen der Bombe an die Sowjets verriet, zeigte er sich edel: Nur ein Patt würde den Weltfrieden sichern. Es folgten Jahrzehnte des Wettrüstens.

Geheimdienste nähern sich ihrem Lieblingstraum, jeden Schritt der Gegenseite zu kennen, bevor die ihn tut. Für manchen Steuerfahnder begründet wirtschaftlicher Erfolg einen Anfangsverdacht. Ihr Finanzminister lässt sich in Medien loben, dass er, wenn möglich, geklaute Bankdaten einkauft. Terrorfahnder wollen alles wissen. Wehe ihnen, wenn ein Bombenbauer durch die Maschen schlüpft. Experten versichern, durch amerikanische Daten sei schon Übles verhindert worden. Auch in unserem Land.

Die Weltmächte verklausulieren ihre Karten, aber ein blasser Computerfreak belauscht Botschafter, Minister und Regierungschefs. "Darf er das?" fragen die einen. "Ja doch!" antworten andere. Jemand streute im NRW-Wahlkampf entführte CDU-Mails. Nachforschungen, wer das bezahlt, fand man empörend. In kurzem Abstand überkreuzten sich Empörungswellen. Die eben triumphierten, sich Einblick verschafft zu haben, geben sich hysterisch, wenn in ihrem System geschnüffelt wird. Doppelmoral befördert grenzenlosen Datenhunger. Klassische Maßstäbe von Verhältnismäßigkeit lösen sich auf.

Lüften die Protagonisten der neuen Durchschaubarkeit die Verlogen- und Verlegenheitszonen der Macht, oder gehen auch sinnvoll abgedunkelte Spielräume verloren? Wohlgemerkt: Kriminelles soll ans Licht. Wer auf die Selbstanzeige von Steuersündern nicht warten will, sollte auf Selbstanzeigen von Terrorhelfern nicht hoffen. Geheimdiplomatie war nicht immer nur Verrat an den Völkern, sondern auch Anzuchtbeet für politische Pflänzchen, die nur vertraulich gedeihen konnten.

So wie Trillerpfeifen nicht die Hymne der Demokratie flöten, repräsentieren Whistleblower nicht per se das Gute. Wer im Daten-Glashaus sitzt, sollte mit Steinwürfen auf andere zögerlich sein.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik.

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