Der Werber-Rat
Die Fremden in der S-Bahn

Wer in der Kommunikationsbranche etwas zu sagen hat, sollte viel öfter mit der S-Bahn fahren. Hier findet das echte Leben statt, hier trifft man die Leute, die wir erreichen müssen. Echtes Leben ist anstrengend.
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Letzten Samstag bin ich S-Bahn in Berlin gefahren. Ziemlich weit. Es war sehr warm. 40 Grad. Und es war sehr lehrreich. Nirgendwo sonst kommt man anderen Menschen so nah wie in einer vollen S-Bahn. Besonders im Sommer, wenn alle wenig anhaben. Im Winter sehen alle gleich aus in ihren einheitlichen Winterfunktionsjacken und mit den grauen Winterfunktionsgesichtern. Aber im Sommer wird sie plötzlich sichtbar, die Menschheit in all ihrer Unterschiedlichkeit. Besonders in Berlin.

Neben mir saßen die weiblichen Mitglieder einer Familie. Oma, Mutter, Tochter. Alle etwas überernährt. Sie trugen Glitzerhütchen aus dem Partybedarf und passende Paillettenwesten. Sie waren sehr aufgeregt. Helene Fischer erwartete sie im Olympiastadion und der Geburtstag der Oma musste noch aufgearbeitet werden.

Mir gegenüber saß ein echter Riese. Er trug sein langes Haar mit einem Band nach hinten gebunden, seine Beine waren so lang, das seine Kniescheiben bei jedem Bremsvorgang gegen meine stießen. Sein Bart war wie ein Dickicht, so dass man das Gefühl hatte, kleine Vögel würden drin nisten. Nach einer Weile fing er tief und brummend an zu summen. Das war ein bisschen unheimlich.

Eine Reihe weiter hatte ein älterer Herr sein Gebiss nicht dabei und das Deo gleich mit vergessen. Ein schönes, samthäutiges Teenagermädchen starrte in ihr Handy. Ein anderes hatte die Samthaut von einem Tätowierer abdecken lassen.

Warum erzähle ich Ihnen das? Weil ich fest davon überzeugt bin, dass alle, die in der Kommunikationsbranche etwas zu sagen haben viel öfter S-Bahn fahren sollten. Wir neigen viel zu sehr dazu in unseren selbst geschaffenen Biotopen zu leben. Mit Menschen um uns herum, die so sind wie wir selbst. Echtes Leben ist anstrengend. Aber die Fremden in der S-Bahn sind die, die wir erreichen müssen.

Die Autorin: Britta Poetzsch ist Global Creative Director bei der Agentur Ogilvy.

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