Der Werber-Rat
Die Guten ins Töpfchen?

Edward Snowden hat mit seinen Enthüllungen über den US-Geheimdienst NSA Mut und Moral bewiesen. An beidem mangelt es uns Deutschen, weil wir ihm nicht Asyl gewähren - wie feige!
  • 14

In Grimms Märchen Aschenputtel gibt es eine klare Trennung von Gut und Böse. Hier wissen sogar die Tauben, dass die Guten ins Töpfchen und die Schlechten ins Kröpfchen gehören. Unser Wertesystem hingegen scheint von Relativierungen geprägt. Edward Snowden hat Deutschland und anderen Ländern einen Dienst erwiesen. Er hat Mut und Moral bewiesen, die Abhörmachenschaften der NSA offenzulegen.

Aber wir leben in einer Welt, in der Mut und werteorientiertes Handeln nicht belohnt werden. Im Gegenteil. Ein Land nach dem anderen lehnt den Asylantrag von Snowden ab. Die Gründe dafür sind fadenscheinig und wohl auch feige. Natürlich will die Bundesregierung das Verhältnis zu den USA nicht gefährden.

Natürlich will umgekehrt die Opposition zumindest theoretisch, Snowden Asyl gewähren. Fraglich ist, ob sie das auch wollen würde, hätte sie die Regierungsverantwortung. Fragt man die Menschen auf der Straße, sind auch sie zwiegespalten.

Die Angst der Bundesregierung dürfte sich vor allem auf wirtschaftliche Konsequenzen beziehen. Vielleicht auch ganz allgemein auf eine Verschlechterung des Verhältnisses zur USA. Aber letztlich führt diese Angst dazu, dass wir Deutschen es mit dem moralischen Handeln wieder einmal nicht ganz so genau nehmen. Das Gute wird relativ.

Wir stellen lieber in den Vordergrund, dass die USA ein Rechtsstaat und eine Auslieferung Snowdens deswegen in Ordnung ist. Trotzdem zählen die USA zu den Ländern, in denen die Todesstrafe noch nicht vollständig abgeschafft ist. Snowden mag vielleicht nicht der Tod drohen, aber doch so massive Repressalien, dass Schutz zu gewähren gerechtfertigt ist.
Stattdessen muss Snowden den Preis für sein Handeln allein zahlen und neben seiner Freundin auch sein komplettes bisheriges Leben hinter sich lassen.
Den Preis für unmoralisches Handeln aber zahlen wir. Wir helfen Banken wie der Anglo-Irish-Bank, die sich über unsere Hilfe, ebenfalls durch Abhörprotokolle aufgedeckt, auch noch lustig macht. Ich finde es schwer, dieses Verständnis von Moral meinen Kindern zu erklären. So leicht wie bei den Tauben ist es mit den Guten und den Schlechten sicher nicht immer. Aber es ist viel zu leicht, sich so wie Deutschland aus der Verantwortung zu stehlen.

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons. Quelle: Ulrike Reinker
Ines Imdahl
/ Psychologin, Inhaberin Rheingold Salons

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Die Guten ins Töpfchen?"

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  • Tabu
    Sie vergessen, dass uns das Selbstbewußtsein, der Patriotismus ausgeprügelt wurde von unsren Politikern.
    Wir dürfen nicht mehr stolz sein auf unser Land
    Gerade in den letzten 20 Jahren haben sie es sehr agressiv betrieben
    Die Deutschen sind nur noch so eine Einheitsmasse, eigene Meinung oder ähnliches ist ja nicht mehr erwünscht
    Aber so ganz langsam kehrt sich das bei den Meschen wieder um
    Ich fidne den Artikel von Frau Imdahl hervorragend

  • bloß nirgends anecken..so laviert sich die Politik
    schon seit Jahrzehnten durch die Welt.
    Wie heißt es so treffend.."jedermanns Freund,ist
    niemandens Freund"
    Und das wir es niemanden recht machen können,wird uns
    gerade vorgeführt.
    Verachtung und Häme ist der Dank,für dieses Katzbuckeln.
    Dieses Volk,wurde dermaßen mit einen Schuldkomplex
    überfrachtet,dass es kaum noch wagt,mutig seinen
    Weg zu gehen..Unsere Politiker,haben großen Anteil
    an dieser Verunsicherung.
    Snowden Schutz zu gewähren,wäre ein Befreiungsschlag
    gewesen..Man will nicht..Muß schön sein,in ewiger
    Knechtschaft anderer..

  • Ein lesenswerter Meinungsbeitrag von Frau Imdahl.
    In einem ersten Reflex könnte man sogar zustimmen zu weiten Teilen der von Frau Imdahl dargestellten Position.

    Es stimmt schon: ..."den Preis für unmoralisches Handeln zahlen wir"... - so oder so übrigens.

    Es wäre höchst seltsam, ließe sich irgendeine Regierung von Angst leiten.
    Viel eher scheint, dass Regierungen, wozu auch die Bundesregierung gehören könnte, durchaus einem politischen Kalkül folgen, das langfristige Perspektiven ins Kalkül miteinbezieht, mit einbeziehen muß.

    Dass Snowden die enge Zusammenarbeit von "Diensten" erwähnt, sowie das Ausmaß dieser Zusammenarbeit angedeutet hat stand nicht nur zu erwarten, es hätte vielmehr erstaunt, hätte Snowden diese vermutbaren Tatsachen nicht erwähnt.

    Im Falle einer erfolgten Asylgewährung Snowdens durch die Bundesregierung wären nicht nur alle Beteiligten in weitere Bredouillen hineingetapert.
    Nun gut, mag man einwenden, auf ein bißchen mehr Streit mit der US-Administration könnte man es ja ankommen lassen.

    Was allerdings geschehen würde, geschähe Snowden auf dem Territorium der Bundesrepublik irgendein Unbill, den nichteinmal zwangsläufig Dienste zu verantworten haben müssen, das wagt man sich vlt kaum vorzustellen, beleuchtet vlt jedoch auch Hintergründe ausgemachter "Feigheit".

    Berücksichtigt man Züge von Paranoia, wie sie das Denken von Geheimdiensten durchaus auch zu tragen vermögen scheinen und die Snowden selbst auch nicht eben fremd erscheinen könnten, blättert sich der Prospekt schon etwas anders auf - aber das steht schon wieder auf einem ganz anderen Blatt.





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