Der Werber-Rat
Die Hauptstadt als Museum

Berlin hat den Ruf modern und außergewöhnlich zu sein. Doch ausgerechnet in der hippen Hauptstadt wird alles und jedes musealisiert. Das passt nicht zu einem konsistenten und authentischen Markenbild.
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Google lud vergangene Woche zu einem Abendempfang nach Berlin – in das Museum The Kennedys. Galeristen zeigen in den Räumen der ehemaligen jüdischen Mädchenschule in Mitte museale Fotos der Familie John F. Kennedys. Erstaunlich, dass es dieses Museum in einem Viertel gibt, zu dem Kennedy keinen Bezug hatte.

Die Musealisierung von allem und jedem in der Hauptstadt fällt auf. In der Stadtschloss-Replik aus Beton findet sie ihren vorläufigen Höhepunkt. Und sie ruft nach weiteren Surrogaten. Auf dem Gelände des Marx-Engels-Forums soll eine Altstadt errichtet werden. Berlin, die moderne, hippe Metropole, durchzogen von pseudomittelalterlichen Gassen, vollgestellt mit auf Alt und Barock getrimmten Neubauten, im Zentrum vollgestopft mit Museen – das ist das Gegenteil eines konsistenten, authentischen Markenbilds.

Vielleicht haben die Berliner aber einfach nur Angst vor der Gegenwart. Auch dafür stehen die nostalgischen Fotos des Museum The Kennedys. Damals, in der guten alten Zeit inszenierte sich der mächtige Clan eindrucksvoll als Marke. Der Mythos lebt und macht Jacky und John F. Kennedy noch ein halbes Jahrhundert später zu Stilikonen.

Die Gegenwart sieht leider weitaus trister aus. Vis-à-vis vom Kanzleramt steht ein uninspirierter Büroneubau, der sich ausgerechnet „John F. Kennedy Haus“ nennt. Für solche Bausünden hat der Architekt Meinhard von Gerkan längst das passende Label gefunden: „Kommerzmasse“.

Die Autorin:
Marianne Heiß ist Finanzchefin der Agentur BBDO Germany. Die Autorin ist eine von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Die Hauptstadt als Museum"

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  • @ Klar Herr Klose,

    gehen Sie mir nur aus dem Weg, ich Ihnen auch.

    Und schön das Sie zum Thema Museum mal gleich wieder den Gutmenschen-Modus anschalten.
    Könnt wir ja weiterspinnen, was gäbe es von dem Zeugs den noch wenn es da geblieben wäre? Was hätte man den bis heute gefunden, und wie wäre das restauriert....

    Denke se mal bei eine Soja-Bio Late drüber nach, aber nicht die Jack Wolfskin Jacke vergessen....
    Aber auch da verwenden Sie wahrscheinlich moralisch völlig unbelegte Alternativen......
    Sie kommen bestimmt in den Werberhimmel....

  • @Paul Diederich
    Das ist ja schön zu lesen, daß Leute wie sie überwiegend nur sonntag vormittags in der Öffentlichkeit anzutreffen sind.
    Da kann man sich schön aus dem Weg gehen.
    Und was da so schön als Erbe der Menschheit angepriesen wird, könnte man durchaus auch als Plünderungen historischer Stätten ansehen, wie es die Türken beispielsweise immer wieder reklamieren, weil Pergamon wohl auf türkischem Staatsgebiet liegt und Nofretete war jetzt auich nicht unbedingt als Preussin bekannt...

  • Als Berliner ist es wirklich deprimierend mit anzusehen, bzw. nur zusehen zu dürfen, wie die Mitte der Stadt zur Touristenattraktion auf Disneyland-Niveau degeneriert.
    Fairerweise muß man zur Schlossattrappe dazusagen, daß die Berliner und auch Wowereit übrewiegend gegen den Bau waren, aber leider nicht gefragt wurden nach ihrer Meinung. Das gab es ähnlich schon mal beim ersten Bau des Originalschlosses im Jahr 1418, als die Berliner Bürger versucht hatten den bau zu verhindern was als "der Berliner Unwille" in die Geschichte eingegangen ist. Auf der Webseite schlossplatz.net gibt es zur Geschichte zwei Beiträge von Berlinern und auch Ideen was man sonst hätte machen können.
    Seinerzeit beim Baubeschluss war leider noch die stadtplanerische Maxime des damaligen obersten Stadtplaners Stimmmann, alles "so wie früher" wieder zu errichten, siehe Leipziger-/Potsdamer Platz. Orte an denen sich freiwillig niemand längere Zeit aufhalten möchte.
    Es wäre schön wenn man über das elend der neuen Berliner Mitte öfters mal diskutieren könnte. Vielen dank für den Artikel und schönen Abend noch.

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