Der Werber-Rat
Die Ich-AG

Ein schier unerschöpfliches Thema: Manager und ihre Revierkämpfe. Erst das Ich. Dann lange nichts. Eine kleine Hommage an die Manager alter Schule, Markenbotschafter, die ihrer Firma noch wirklich verbunden waren.
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Die Tomatensaft-Trinker neben mir haben den ganzen Flug über irgendwie streng zu mir herübergeschaut, ich habe nämlich zwei Stunden lang gelacht. Der Grund für so viel Heiterkeit über den Wolken ist schnell erzählt: Martin Suters neues Buch „Alles im Griff“ ist, so steht es im Untertitel, eine Business-Soap.

Ich habe es auf Hin- und Rückflug quasi inhaliert, es war eine einzige Freude. Martin Suter ist, wie in seinen übrigen Büchern, wieder einmal ein kleines Meisterstücklein der Beobachtung gelungen. Manager und ihre Revierkämpfe. Erst das Ich. Dann lange nichts.

Nun mag sich mancher Leser fragen, ob das denn wirklich so ist, wie der Herr Suter es schreibt. Irgendwie ist es so gekommen, und keiner weiß ganz genau, wann das angefangen hat. Früher waren Manager mehr mit ihrer Firma verbunden. Da war ein geheimnisvolles Band, das die Mission des einen mit dem Ehrgeiz des anderen verband. Jeder war Botschafter des anderen, ein imaginärer Teil der Marke.

Die Firma war nicht nur eine Station im geschönten Lebenslauf, sie war prägender Teil jedes Einzelnen, der Verantwortung übernahm. Diese magische Verbindung machte Menschen stolz auf ihr Werk, ließ sie schwere Zeiten gemeinsam meistern und große Herausforderungen schnurstracks schultern. So wurde aus mancher Meister-Eder-Werkstatt ein Weltmarktführer.

Getragen und begleitet von Personen, die ihren Unternehmen nicht nur über viele Jahre verbunden blieben, sondern auch im allerbesten Sinne deren Markenbotschafter waren. Sie wussten genau, was gut für die Marke ist – weil sie selbst die Marke waren. Wo sind sie denn hin, diese souveränen Macher, die Teil ihrer eigenen Markenmission waren?

Wahrscheinlich haben sie irgendwo über der A7, beim staubedingten Hubschrauberüberflug, das Wohl ihres Unternehmens aus dem Blickfeld verloren. Unlängst war zu lesen, wie einer der einst Allergrößten und Achtbarsten seiner Zunft, Herr Middelhoff, aus Furcht vor Taschenpfändung und Reportergegenwart über das Fenster im ersten OG des Essener Landgerichts flüchtete. Kann man so jemanden noch ernst nehmen?

Herr Suter hätte jedenfalls seine Freude gehabt. Alle anderen aber auch.

Der Autor:

Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk. Er ist einer von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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