Der Werber-Rat Die Lust an der List

„Im Osten lärmen, im Westen angreifen“ oder „die Akazie schelten, dabei auf den Maulbeerbaum zeigen“ – chinesische Weisheiten halten auch in Zeiten der Digitalisierung den Kopf wach und schärfen unser Frühwarnsystem.
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Auch in Zeiten größter Digitalisierung können alte Weisheiten den Kopf wach halten. Quelle: dpa
„Etwas aus dem Nichts erzeugen“

Auch in Zeiten größter Digitalisierung können alte Weisheiten den Kopf wach halten.

(Foto: dpa)

Die Herkulesaufgabe „Englischvokabeln“ musste vom Tisch, unser Sohnemann wollte aber lieber chillen. Ich versuchte, sein Augenmerk auf die zu studierenden Zeilen zu lenken. Er fand meine Vorgehensweise total uncool, meisterte die Aufgaben aber tapfer und mit demonstrativer Lässigkeit. Dann klingelte das Telefon.

Mein Partner Michael Trautmann kam aus China von einer kurzen Dienstreise zurück – und hatte, wie so oft, Erstaunliches zu berichten. Eine große, zuweilen rätselhafte Nation, die selbst für weltgewandte deutsche Geschäftsleute mitunter schwer zu verstehen ist – nicht nur, was die Sprache betrifft.

Da erinnerte ich mich wieder an eine Jahresgabe des geschätzten Entrepreneurs und Kommunikationsfachmannes Christian Schwarm. Vor vielen Jahren schenkte er mir das Buch „Die Kunst der List“ von Harro von Senger.

Das Buch erklärt 36 chinesische Strategeme, aus Vorzeiten überlieferte listige Vorgehensweisen, die sowohl für Angriff als auch gepflegten Rückzug allerhand Steilvorlagen bieten. 36 alte Weisheiten, die auch in Zeiten größter Digitalisierung den Kopf wach halten – und deshalb unbedingt auf jedem Manager-Nachttischlein liegen sollten.

Erstaunliches findet sich auf beinahe jeder Seite: „die Akazie schelten, dabei auf den Maulbeerbaum zeigen“, „das Schaf mit ruhiger Hand wegführen“ und „im Osten lärmen, im Westen angreifen“ erklären auf verblüffende Weise, welche Winkelzüge des Altertums auch heute noch bei komplexen Herausforderungen von großem Nutzen sein können.

Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk.

Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk.

„Dürre Bäume mit künstlichen Blüten schmücken“ oder, nicht minder erstaunlich: „Etwas aus dem Nichts erzeugen“. Ein vergnüglicher Abend ist garantiert.

Die Auseinandersetzung mit den listvollen Strategien hilft nicht nur, unliebsame Wettbewerber zu übervorteilen – sie schärft vor allem unser Frühwarnsystem, Winkelzüge schon auf den ersten Metern zu erkennen und Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Ganz nebenbei entdeckte ich noch, mit welcher List man Leute dazu bringt, Rasenflächen nicht mehr zu betreten. Eine wirksame List in Sachen Englischvokabeln für 12-Jährige fand sich, auch bei gründlichem Studium der Lektüre, nicht.

Der Autor:

Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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