Der Werber-Rat
Die neue Nerd-Zielgruppe

In Zeiten von omnipräsenten Smartphones ändert sich unser Gesellschaftsleben radikal. Das hat Auswirkungen auf den Sport, der seine Sportstätten und auch seine Zielgruppen neu verorten sollte.
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Nichts ist mehr so, wie es mal war: Vor einigen Wochen war ich auf einer Geburtstagsfeier eingeladen, die fast ausschließlich von Erwachsenen besucht war. Bis auf die 13-jährige Tochter des Geburtstagskindes. Sie langweilte sich fürchterlich im Erwachsenenkreis und verbrachte den ganzen Abend an ihrem Smartphone – ohne ein einziges Mal den Kopf zu heben.

Fakt ist: Soziale Interaktion, wie wir sie noch kennen, sieht heute anders aus. Gestern beobachtete ich in einem Berliner Café drei Jugendliche. Die Köpfe in ihre Telefone versenkt und feixend. Das Paradoxe daran war, dass Mimik und Gestik auf eine ganz normale Konversation hinwiesen. Alle sieben Minuten greifen Teenager Studien zufolge zum Smartphone. 68 Nachrichten versendet jeder von ihnen täglich im Schnitt.

Die Frage ist: Welche Rolle spielt der Sport in einer Gesellschaft, in der „Gesellschaft“ neu definiert wird? Der Sport glaubt daran, Staatszweck zu sein, ein fest in der Gesellschaft verankertes Phänomen. Er sorgt schließlich für Bewegung, Gesundheit, Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und ein soziales Miteinander bei Spielen und in Stadien. Wenn ich mir das Kommunikationsverhalten von Kindern und Jugendlichen anschaue, bin ich mir allerdings nicht sicher, ob es in 20 Jahren überhaupt noch Dauerkarten-Inhaber und Auswärtsfahrer geben wird.

Deshalb meine ich: Die Definition von Sportstätten steht vor einem Wandlungsprozess. Denn der virtuelle Sport boomt, während der vermeintlich echte stirbt. Mehr als eine halbe Million Menschen hat sich deutschlandweit allein im letzten Monat das Konsolenspiel Fifa 15 gekauft. Zwölf Millionen spielen weltweit in regelmäßigen Onlineturnieren. Bei comunio.de, einem Web-Managerspiel, sind pro Saison 640.000 Menschen aktiv.

Wenn wir also Sportstätten neu definieren, müssen wir vielleicht auch Zielgruppen neu verorten. Für viele Vereine und Sportverbände gilt leider noch immer die alte Regel: Wer nicht auf’m Platz oder im Stadion steht, ist kein Sportinteressierter. Manager- und Videospiel-Nerds gehören nicht dazu. Wer aber im Café mit Freunden sitzt und ohne Kommunikation kommunizieren kann, kann sich auch für Sport interessieren, ohne Sport auszuüben.

Der Autor:
Christoph Metzelder ist Mitinhaber der Agentur Jung von Matt/Sports. Er ist einer von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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