Der Werber-Rat
Die Wohnung als Schlachtfeld

Woher kommt im Frühjahr das Bedürfnis, den Schmutz zu bannen? Die Wohnung ist unsere dritte Haut, ihr Zustand spiegelt die Seele – ein Putz reinigt, und wer die eigenen Händen nutzt, schafft das besser als mit Aushilfe.
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Putzen gilt gemeinhin als eher lästig. Einziges Ziel scheint zu sein, möglichst schnell fertig zu werden. Mit den ersten Sonnenstrahlen aber packt so manchen eine ausgewachsene Putzwut. So wie der Himmel heller wird, soll auch das Haus wieder erstrahlen. Denn die Wohnung ist so etwas wie unsere „dritte Haut“ und ihr Zustand spiegelt unsere seelische Verfassung.

An ihr können wir ablesen, wie es in uns aussieht: geordnet oder chaotisch, streng oder verspielt, klar ausgerichtet oder detailverliebt. Passt das Äußere nicht zum Inneren, räumen wir auf und um oder wir putzen. Dabei ist das Ergebnis nie von Dauer. Zum einen, weil der Dreck immer nachrückt und zum anderen, weil unser Seelenzustand ständigem Wandel unterzogen ist.

Psychologische Tiefeninterviews zeigen, dass das Putz-Ergebnis zwar von Bedeutung ist, der Prozess des Putzens aber für die Menschen darüber hinaus eine Erleichterung der Seele sein kann. Denn verschiedene Putzformen helfen bei der Bewältigung unterschiedlicher Konflikte.

Das Gefühl der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins kann mit der Putzwut bekämpft werden. Hier wird eine Art häuslicher Kleinkrieg geführt. Räume werden systematisch durchgearbeitet und „erobert“. Die Wohnung wird zum Schlachtfeld und dem Dreck wird in „Bodenoffensiven“ zu Leibe gerückt.

Das winterliche Tristesse-Gefühl schwindet, je vitaler der häusliche Karneval tobt. Putzen wird zum bunten Event mit voll aufgedrehter Musik, um den Kopf geschlungenen Tüchern, Softdrinks und Bier. Beschwingt werden auch Möbel verrückt. Wenn in der Beziehung oder im Job Konflikte schwelen, kann mit dem Putzen seelisch „reiner Tisch“ gemacht werden. Es wird innerlich entrümpelt, während Tische aufgeräumt und glatt poliert werden. In der Wohnung wird symbolisch der Durchblick fürs Leben geschaffen. Das Putzen selbst kann dann ein reinigendes Gewitter sein – kurz, aber heftig.

Das Putzen dient also auch der inneren „Bereinigung“ und dazu, das Äußere den inneren Befindlichkeiten anzupassen. Ein Grund, warum es Putzhilfen nur so selten gelingen kann, uns zufriedenzustellen – es ist nicht ihre dritte Haut und sie „polieren“ nicht unsere Befindlichkeiten.

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons. Quelle: Ulrike Reinker
Ines Imdahl
/ Psychologin, Inhaberin Rheingold Salons

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Die Wohnung als Schlachtfeld"

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  • bewahre

  • schoen waere es wenn man so denkt und fuehlt. Gelingt nicht bei mir. Von der Wiege bis zur Bahre-putzen-putzen-oh beware. Es hoert nie auf. Kaum ist alles sauber darf man wieder von vorne anfangen.Nimmt kostbare Freizeit weg.

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