Der Werber-Rat
Die Zielgruppe trägt Trekkingsandalen

Jedem Werbetreibenden ist es zu empfehlen, den eigenen Lebensraum zu verlassen und dorthin zu gehen, wo sich der berühmte Otto Normalverbraucher aufhält. Ein Nachmittag in einer Einkaufsstraße.
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Werber leben ja manchmal in ihrem eigenen Mikrokosmos. Sie ernähren sich von überteuerten Caffè Latte und treiben sich in den einschlägigen Straßenzügen in Berlin Mitte oder im Hamburger Karoviertel rum. Dort treffen sie auf ihresgleichen und halten das für Realität. Deshalb sind Kreative auch manchmal tief erschüttert, wenn sie auf echte Konsumenten in Marktforschungsinstituten treffen. Wobei man darüber streiten kann, ob es sich um echte Konsumenten handelt oder um Labormenschen, die sich in einer Laborsituation eine Labormeinung bilden. Aber das ist eine andere Diskussion. Was also jedem Werbetreibenden inhaltlich und persönlich guttut ist, sich ab und zu einen Realitäts-Check zu gönnen.

Der ist in Form eines U-Bahn-Tickets relativ günstig zu haben. Noch preiswerter ist es, sich einfach mal am Samstagnachmittag auf einer hochfrequentierten Einkaufsstraße sich die Menschen anzusehen. Mir ist dabei neulich aufgefallen: Es gibt keine Mode mehr! Es gibt nur noch Funktionskleidung. Alle sehen so aus als hätten sie demnächst vor, den Kilimandscharo zu besteigen oder zumindest zum Fliegenfischen in die kanadische Wildnis aufzubrechen. Da bekommt das Wort vom Großstadtdschungel eine ganz neue Bedeutung. Denn für diesen scheinen sich die Menschen rüsten zu müssen. Mit Trekkingsandalen, die auch einen Wüstenmarathon überstehen würden. Mit teuren High-Tech-Daunenjacken, mit denen man noch bei minus 50 Grad einen Eissturm überleben könnte. Und mit Fleecepullovern in Farben, die jeden Yeti schocken würden.

Wenn Kleidung Kommunikation ist – und das ist sie ohne Zweifel –, was will uns die Menschheit in der Einkaufsstraße damit sagen? Die Buchautorin Barbara Vinken hat dazu eine interessante Theorie: Die Menschen würden sich mit der Kleidung gegen eine Umwelt panzern, die ihnen zu schwierig zu meistern erscheint, und wie ein „einsamer Steppenwolf“ würden sie durch ein feindliches Territorium rasen. Die Funktionsbekleidung ist also gar kein Schutz vor Regen, sondern vor Überforderung. Das wundert mich nicht. Ein Samstagnachmittag in einer Einkaufsstraße gehört zu den härtesten Dingen, die man so machen kann. Und trotzdem geht man schlauer nach Hause.

Die Autorin:

Britta Poetzsch ist Geschäftsführerin Kreation der Agentur Serviceplan Sales. Sie ist eine von sechs Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Die Zielgruppe trägt Trekkingsandalen"

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  • Tja, da fragt man sich bloß, warum auf dem Bild kein einziger Mensch Funktionskleidung trägt? Aber vielleicht ist deswegen der Vordergrund bewußt unscharf gehalten.

    Andererseits, wenn ich schon eine Regenjacke fürs Wandern habe, warum sollte ich dann noch eine kaufen wollen, die nur der Mode (welcher?) genügt? Ach ja, meine Regenjacke hatte ich in den 90en gekauft und die wird noch weitere 10 Jahre machen.

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