Der Werber-Rat: Dobelli hat sich verrechnet

Der Werber-Rat
Dobelli hat sich verrechnet

Folgt man den Regeln der Wahrscheinlichkeit, sind die Chancen vieler Neugründungen arg gering. Die Kunst besteht aber darin, im entscheidenden Moment nicht auf den Kopf, sondern auf den Bauch zu hören.
  • 0

Die Jeans auf Hüfthöhe, das weiße Hemd einen Knopf zu weit geöffnet, stand Internetunternehmer Oliver Samwer auf der Bühne und erzählte in schnoddrigem Plauderton, warum er nicht zum damals schwer angesagten Thomas Middelhoff ging – und stattdessen mit dem Kopf voller Träume ins Silicon Valley aufbrach, um etwas Neues auszuprobieren. Und wie dann, aus vielen Unmöglichkeiten, entgegen manchem Expertenrat, am Ende doch noch alles gut wurde.

Täglich erstellen Unternehmen Businesspläne. Wägen Wahrscheinlichkeiten ab: Ist es schlau, diese oder jene Idee zu unterstützen? Was kostet uns das? Was bringt uns das? So ein total kniffeliges Thema hatte ich neulich auf dem Tisch. Und schob es erst mal zur Seite.

Dann entdeckte ich in einem hinteren Winkel meiner häuslichen Schreibstube ein abgegriffenes Exemplar von Rolf Dobellis Bestseller „Die Kunst des klaren Denkens“: eine kurzweilige Lektüre mit verstörend depressiver Wirkung. Dieses Büchlein ist so ziemlich die größte Illusionsvernichtungsmaschine, die mir je begegnet ist. Alles basiert auf Logik, Empirie, Wahrscheinlichkeitsrechnungen.

Sie haben vor, einen Weltkonzern zu gründen? Vergessen Sie es. Sie werden es, nach allen Gesetzen der Wahrscheinlichkeit, nicht schaffen. Lotto spielen? Keine Chance! Produkte einführen, die noch keiner braucht? Sie Narr! Alles wird haarklein vorgerechnet. Bauchgefühl? Fantasie? Wagemut? No way! Hier lernt der Leser, alles richtig zu machen.

Sie glauben, die Socken, die Sie bei einem großen Sieg trugen, brächten Ihnen Glück? Das kann natürlich gar nicht sein. Oder doch? Lassen Sie sich nicht alles ausreden. Es gäbe heute keinen Computer, keinen BH und keinen Big Mac.

Viele große Ideen verdanken ihre Realisierung dem Wagemut von Frauen und Männern, die im entscheidenden Augenblick nicht nur auf den Kopf, sondern auf ihren Bauch hörten. Das Gespür für den richtigen Zeitpunkt kann keine Rechenmaschine der Welt ersetzen.

Ich werde jedenfalls gleich morgen einen Lottoschein ausfüllen. Die Wahrscheinlichkeit eines Gewinns ist eins zu 15.000.000. Wenn ich nächste Woche nicht mehr hier schreibe, wissen Sie jedenfalls, warum.

Der Autor: Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Dobelli hat sich verrechnet"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%