Der Werber-Rat
Ein Kalender, nicht nur für Reifenhändler

Der Pirelli-Kalender verabschiedet sich von seinem Image als Galerie der Männerfantasien. Schokolade auf nackten Körpern ist auch bei dem Reifenhersteller langsam out. Die „Models 2015 haben Ecken und Kanten.

Ach, Männerfantasien sind doch was Schönes. Die ultimative Männerfantasie ist der seit 1964 erscheinende Pirelli-Kalender. Das exklusivste Werbegeschenk der Welt. Ein Kultobjekt. Nicht erwerbbar. Man muss zu einem erlauchten Kreis von Begünstigten (Reifengroßhändler?) gehören um ihn mit schwitzigen Händen unter dem Weihnachtsbaum auspacken zu dürfen.

Alles was auf diesem Planeten mit Samthaut, den gängigen Maßen von 90-60-90, Schmollmund und reizvollem Augenaufschlag gesegnet ist, hat sich für diesen Kalender schon den Designerfummel vom Leib gerissen. Um sich dekorativ im Sand zu wälzen, einsam in einem Schieferfeld zu liegen oder den Luxusleib in Schokolade zu tauchen. Die berühmtesten Fotografen der Welt haben für ihn gearbeitet. Immer mit dem Ziel weibliche Schönheit zu feiern. Vorbei!

Dieses Jahr wird in Reifengroßhändlerkreisen die Enttäuschung groß sein. Die Frauen im Kalender zeigen auch Haut. Aber die ist nicht ganz so makellos wie gewohnt. Comedienne Amy Schumer wird nackt mit Hüftspeck und einem Gesicht, als wären ihr gerade die Rouladen angebrannt, abgebildet.

Patti Smith ist sogar komplett bekleidet und dreht an den Knöpfen ihrer Weste. Yoko Ono ist mit 82 sicher das älteste Pirelli-Model der Welt. Promifotografin Annie Leibovitz hat Frauen porträtiert, wie sie sind. Frauen, die etwas geleistet haben. Feministinnen mit Narben, Falten, Muskelbergen.

Die Botschaft: Klug ist das neue Sexy. Warum ist das so interessant? Weil der Kalender ein PR-Mittel ist. Es geht um mediale Aufmerksamkeit. Die Geschichte „Superstarfotograf fotografiert neues Supermodel, während diesem Schokolade über den Körper läuft“ ist schon etwas auserzählt. Diese Geschichte jetzt ist zwar auch nicht neu, aber sie ist es für Pirelli. Und - wumms - hat man den PR-Aufschlag. Funktioniert ja - wie man an dieser Kolumne sieht.

Die Autorin: Britta Poetzsch ist Global Creative Director der Agentur Ogilvy. Sie ist eine von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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