Der Werber-Rat: Ein Kleid beschäftigt die Welt

Der Werber-Rat
Ein Kleid beschäftigt die Welt

Eine optische Täuschung unserer Sehgewohnheiten hat uns einen Streich gespielt. Dadurch wurde der Traum eines jeden Modelabels wahr: Millionen erhobener Daumen, Aufruhr bei Twitter und lautes Geklingel an der Kasse.
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Nico Westermann brachte ein Phänomen unserer Zeit in seiner unnachahmlichen Nonchalance auf den Punkt: Unser Daumen sei längst zum Boss mutiert – und entscheide, was angeklickt oder weggewischt wird. Nico weiß, wovon er redet: Er ist Stratege bei Facebook.

Allerhand zu wischen und zu klicken gab es zum Beispiel am vergangenen Freitag. Unter dem Hashtag „#dressgate“ fand sich ein Foto eines Kleides, das ursprünglich für eine Braut bestimmt war. Innerhalb weniger Stunden beschäftigte es die ganze Welt. Die in Sachen Farbgebung total durchblickenden Julianne Moore, Taylor Swift und Kim Kardashian fragten sich, ob das Kleid schwarz-blau sei, oder vielleicht doch weiß-gold?

Sie werden sich nun fragen, ob es sich hier eventuell um einen Fall von Farbenblindheit handeln mag. Nein, ich kann Ihnen versichern: Die Sache ist deutlich ambitionierter. Experten weltweit begannen binnen Minuten, sich des Phänomens anzunehmen.

Die Leute waren sich nicht sicher. Über 80 Prozent tippten auf weiß-gold, der Rest auf schwarz-blau. Psychologen begannen, sich in die Diskussion einzuklinken, und wenige Augenblicke später war klar, dass die einen die Pessimisten (schwarz-blau), die anderen die Optimisten seien. Wieder andere stellten exakte Nachforschungen an und bemühten modernste Messtechniken.

Zu diesem Zeitpunkt gehörte das Kleid bereits zu den Top News in allen Blogs und Foren, große nationale Fernsehsender brachten Sondersendungen. Das Modegeschäft, das jenes, für 50 Pfund zu erstehende Kleid verkaufte, konnte das Momentum des Vorgangs zwar nicht erklären, freute sich aber über den reißenden Absatz des tatsächlich schwarz-blauen Kleides.

Ein optisches Täuschungsmanöver unserer über Jahrtausende antrainierten Sehgewohnheiten spielte uns einen Streich und der Traum eines jeden Modelabels wurde wahr: Millionen von Daumen hatten ordentlich zu tun und am Ende klingelte die Kasse.

Der ganzen Wischerei überdrüssig, ernannte ich meinen Daumen schnell zum Boss und übertrug ihm die feierliche Aufgabe, einen mit eindeutig blauer Tinte geschriebenen, kleinformatigen Brief an die wunderbarste Frau der Welt zu verschließen.

Der Autor:

Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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