Der Werber-Rat
Eine wahre Geschichte von Katzen und Pickelstiften

Youtube feiert im Februar 10. Geburtstag. Was als Abspielmöglichkeit für Katzenvideos begann, ist zur führenden Unterhaltungsplattform geworden. Und ein Sprungbrett für neue Geschäftsmodelle.
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Ein Freund von mir, der an schlechten Tagen aussieht wie ein sehr gefährlicher osteuropäischer Hip-Hop-Fürst mit verbrecherischem Hintergrund, liebt Katzenvideos. Jedes Mal wenn ich ein neues Katzenvideo sehe, schicke ich es ihm sofort. Na klar, als Youtube-Link.

Vor zehn Jahren hätte sich das noch niemand vorstellen können. Menschen filmen Katzen, die süß sind, sich trottelig anstellen und veröffentlichen das auf einem Videoportal. Andere Menschen sehen das und teilen das in ihren sozialen Netzwerken. Alle freuen sich. Das hätte ich meiner Großmutter nicht erklären können.

Was ich ihr noch weniger plausibel darstellen könnte, dass heute Millionen Mädchen zuschauen, wenn andere Mädchen eine Tüte voller Drogerieprodukte vor laufender Kamera auspacken und kommentieren. Lipgloss mit Erdbeergeschmack, der perfekte Lidschatten, ein neuer Pickelstift oder eine rosa verpackte Puderdose - das scheint unglaublich faszinierend zu sein.

Das hübsche Ding mit der Drogeriemarktobsession ist ein Superstar. Wo sie auftaucht wird sie von ihren Fans erdrückt und sie verdient richtig Geld damit. Marken haben Angst vor ihr. Was sie verreißt, fliegt aus dem Sortiment. Was sie empfiehlt, ist am nächsten Tag ausverkauft. Genauso viele Fans haben Jungs, die Videospiele testen oder das Tagesgeschehen in der Sprache der Zielgruppe kommentieren.

Youtube hat aus ihnen Stars gemacht. Hier sind die Zuschauer die Produzenten. Die Zielgruppe vertraut ihnen. Die neuen Stars fühlen sich an, als wären sie einer von ihnen. Das funktioniert, obwohl Marken längst wissen, wie sie Produkte gezielt platzieren und die Videoblogger für sich nutzen können.

Kinder und Jugendliche gucken heute deutlich mehr Internetvideos als Fernsehen. Die Reichweiten der populären Youtube-Kanäle sind so, dass sich Fernsehmacher weinend in die Kissen werfen. Jede Minute werden 300 Stunden Videomaterial hochgeladen. Das meiste davon wird kein Millionenklickhit.

Trotzdem: Youtube kitzelt die Kreativität jedes Einzelnen. Es zeigt uns Dinge, die wir sonst nie gesehen hätten. Und sei es nur ein extrem süßes Katzenbaby, das im Traum Mäuse fängt. Das schicke ich gleich mal dem gefährlichen Hip-Hop-Freund. Herzlichen Glückwunsch Youtube!

Die Autorin: Britta Poetzsch ist Global Creative Director der Agentur Ogilvy. Sie ist eine von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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