Der Werber-Rat
Feiert Erfinder wie Rockstars!

In einer Welt, die sich rasant dreht, wird Innovation zur unternehmerischen Lebensversicherung. Doch viele Firmen optimieren lieber das Bestehende, statt grenzenlose Gedankenspiele anzustellen.
  • 3

Aus Deutschland kommt ein Prozent der Weltbevölkerung und mehr als sieben Prozent aller Patente. Willkommen im Land der Ideen. Schon vor über einem Jahrhundert haben die Herren Benz, Siemens, Bosch mit ihren Ideen unser Leben verändert. Ihre Nachfolger sind dagegen eher zu Weiterentwicklern mutiert.

Doch in einer Geschäftswelt, die sich immer schneller dreht, wird Innovation zur unternehmerischen Lebensversicherung. Die Hälfte aller Produkte, die sie in fünf Jahren verkaufen will, muss erst noch erfunden werden.

Warum sind uns iPhone, Google und Facebook nicht eingefallen? Für Bayer-Chef Marijn Dekkers ist es auch eine Frage der Einstellung: "In Amerika wollen die Professoren reich werden. Hier wollen die Reichen Professor werden". Wir lieben die schwere Aufgabe im Nacken und die Ernsthaftigkeit unzähliger Testbatterien vor der Brust. Grenzenlose Gedankenspielerei ist uns suspekt.

"Mehr Spinner und einfach mal machen", empfiehlt ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger. Nicht die stetige Optimierung, sondern der unerwartete Gedankensprung öffnet Tür und Tor und Absatzmärkte. Selbst aus Pleiten, Pech und Pannen ist so mancher Verkaufsschlager hervorgegangen. Aus einem schlecht haftenden Kleber lässt sich immer noch ein Welterfolg machen: Post it.

"Ready, Shoot, Aim" heißt das Handlungsprinzip der Vorreiter. Innovation ist eine neue Idee in Aktion. Hätte sich Bertha Benz nicht am 5. August 1888 auf den Motorwagen Nummer 3 gesetzt, um ohne Wissen ihres Ehemannes 106 Kilometer nach Pforzheim zu rattern — ihr Ehemann Carl hätte bis zum Ende seiner Tage gezweifelt und geschraubt.

Damit Deutschland auch in Zukunft die Welt bewegt, brauchen wir frischen Erfindergeist und lebendige Vorbilder. Der 50-Milliarden-Dollar-Konzern Intel feiert in seiner Werbekampagne die konzerneigenen Entdecker wie Rockstars. Im Spot betritt ein kleiner, pummeliger Inder die Kantine und badet in den schmachtenden Blicken unzähliger Kolleginnen — Ajay Bhatt, der Vater des USB-Sticks. Die deutschen Unternehmen sollten die Labortüren öffnen und ihre einfallsreichsten Geister ans Licht holen. Wir würden überrascht sein, was dort zum Vorschein kommt.

Der Autor:

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Feiert Erfinder wie Rockstars!"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • "Aus Deutschland kommt ein Prozent der Weltbevölkerung und mehr als sieben Prozent aller Patente. Willkommen im Land der Ideen. Schon vor über einem Jahrhundert haben die Herren Benz, Siemens, Bosch mit ihren Ideen unser Leben verändert. Ihre Nachfolger sind dagegen eher zu Weiterentwicklern mutiert"


    Es ist der Widerspruch an sich.

    Wir haben in D kein Defizit an "Spinnern" und "Erfindern", alleine schon die Bezeichnung "Spinner" sagt doch schon, was der Herr von diesen Technikern und Innovatoren hält, sondern ein Defizit in der Förderung der Umsetzung der Marktreife und des Schutzes unserer Innovationen gegenüber der Welt.

    Viele, wenn nicht die meisten der erfolgreichsten Techniken sind in D erfunden worden.

    Aus eigener Erfahrung und der Erfahrung von Unternehmerkollegen kann ich berichten, dass die Finanzierung von Marktdurchsetzung innovativer Produkte in Deutschland faktisch nicht möglich ist.

    Es ist einfacher eine 200sten Internetshop oder ein Stahlwerk zu finanzieren, da dort "belastbare" Betriebswirtschaftliche Vergleiche vorliegen.

    Ebenso ist die "Kultur des Scheiterns" hier nicht gegeben.
    Auf jedes "Killerprodukt" kommen nun mal 10-30 Versuche die nicht zum Ziel führen.

    Gehen Sie mal mit einem Neuprodukt in einem noch nicht erforschten Bereich zu einer Bank oder einem Bankenkonsortium.
    Da fordert man sie dann auf "Fraunhofer"-Gutachten beizubringen, o.a. gesagt, ihre erst teilweise patentierten Technologien einem teils öffentlichen Konsortium offenzulegen.

    Wenn nun jemand auf das "Venture Capital" verweist, dann kann ich nur sagen, dass meine Erfahrung bei Firmen, welche wir auf dem Weg mit Technologien unseres Hauses begleitet haben, äusserst unzufriedenstellend war.

    Es ist hier halt ein Interessenkonflikt mit den Gründern gegeben.

    Das einzige wirklich erfolgreiche Projekt an das ich mich erinnere wurde mit grossen Summen eines Bundeslandes und Maschinen von uns am Anfang ermöglicht, und stellt heute mit 200 Mitarbeitern Lasersysteme her.

  • Gerade junge, innovative Unternehmen haben in D fast keine Chancen, ein Produkt auf dem Markt zu etablieren, da der Staat mit seiner Abgabenlast diesen langwierigen Prozess im Keim erstickt. Innovationen gelangen nur mit Unmengen an Kapitalaufwand auf den Markt. Da sind Regionen wie Seattle und Co. anders.., da werden Innovationen gezielt gefördert.

    Aber in diesem von bequemen und stumpfen Beamtenstaat hat es kaum einer bemerkt, wie es richtige geht...

  • Das Problem geht viel, viel tiefer:
    1. Das Topmgmt vieler großer Gesellschaften versteht ihr eigenes Geschäft nicht. Bsp: Löscher
    2. Um das zu tünchen, hält man sich ganze Stäbe an Chefstrategen, Developer und sonstigen Heinis. Woher die kommen? Überwiegend Unternehmensberater und Controller
    3. Dann macht man Powerpoints, wo der eine den anderen nicht versteht und das nicht zugeben möchte.
    Ergebnis: Zick-Zack-Strategie. Schön zu beoabchaten bei vielen DAX und sonstigen Stars am deutschen Himmel. Aber nicht nr hier.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%