Der Werber-Rat
Filter- oder normaler Kaffee?

Jahrelang galt er als widerliches Überbleibsel bundesrepublikanischen Spießertums. Jetzt ist er zurück. Die Rückkehr des Filterkaffees verrät einiges über die Entstehung von Hypes.
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Als die freundliche Studentin hinterm Kaffeetresen auf der Internetkonferenz Republica fragte: „Filter- oder normaler Kaffee?“, war klar: Kaffee ist am Trendwendepunkt angekommen. Das ist der Punkt, an dem ein Produkt vom langweiligen Ladenhüter zum angesagten Hipster-Accessoire wird. Die Trendwende im Kaffeemarkt zeigt, man kann diesen Moment für wirklich jedes Produkt herbeiführen. Die einzige Voraussetzung: Das Produkt ist uncool. Vor einigen Jahren hat ein Bionade-Plakat, das am Prenzlauer Berg in Berlin hing, es so formuliert: So „In“, dass es schon wieder so „Out“ ist, dass es wieder „In“ ist.

Erinnern wir uns: Ende des letzten Jahrhunderts musste der deutsche Filterkaffee dem italienischen Kaffeegenuss-Diktat weichen. Vorbei die Zeit, als der „Kapputschino“ in Deutschland noch aus Filterkaffee mit Sprühsahne-Häubchen zusammengeschustert wurde. Bis in den letzten Winkel der deutschen Provinz breiteten sich Cappuccino, Espresso und Milchschaum aus.

Unter Latte Macchiato ging gar nichts, am besten noch „to go“ und mit „Low-Fat-Soya-Vanilla-Topping“. Dass die in Milch ertränkte Kaffeepfütze dem Italiener die Schuhe ausziehen würde — uns doch egal. Und Filterkaffee? Hahaha, schlimme Plörre, das hat höchstens die Oma noch getrunken, und draußen gibt’s nur Kännchen, höhöhö.

Woher kommt die Trendwende? Ganz einfach: Spätestens seit der bundesweiten Haushaltsabdeckung mit Kaffee-Pads und -Kapseln ist der einst für distinguierten Genuss stehende Italo-Kaffee langweilig. Wenn es in jeder Wohnküche guten Espresso gibt, was machen dann die Trendsetter, um sich von der öden Masse abzuheben? Sie besinnen sich auf das Manufactum-Prinzip: „Es gibt sie noch, die guten Dinge.“

Dass jetzt selbst Hochglanz-Klatschmagazine auf mehrseitigen Strecken Filterkaffee feiern, garniert von Kaufempfehlungen für Handfilter, Kaffeemaschine und Thermoskanne, zeigt, der Trend ist rasend schnell im Mainstream angekommen.

Was wohl als nächstes den Trendwendepunkt erreicht: Aerobic statt Yoga? Stulle schmieren statt Sushi? Oder gar Reklame statt integrierter Kommunikation? Warten wir’s ab. Erst mal einen Filterkaffee.

Der Autor:

Stefan Kolle ist Geschäftsführer Kreation der Agentur Kolle Rebbe in Hamburg. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Filter- oder normaler Kaffee?"

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  • Wie kann man einen Kommentar zum Kaffee so unnett schreiben, dass er nicht veröffentlicht wird?

  • Wie kann man denn einen Kommentar zum Kaffee so unnett schreiben, dass er nicht veröffentlicht wird?

  • Hierbei wird leider übersehen, dass es sich bei dem schnöden "Filterkaffee", den man heutzutage bekommt um etwas ganz anderes handelt, als das, was man früher bei Oma zum Kuchen bekommen hat.

    Es handelt sich um feinen Kaffee, der präzise zubereitet wird um die besten Geschmacksergebnisse zu erzielen. Im Gegensatz zum Industriekaffee von damals, der mit kochendem Wasser bitter-stark und kaum unterhalb der Verbrennungstemperatur genießbar zubereitet wurde.

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