Der Werber-Rat
Formel Fatal statt Formel 1

Der Motorsport verabschiedet sich aus Deutschland – auch weil ständige Regeländerungen die Marke Formel 1 in eine Identitätskrise geführt haben und dem Zuschauer der Zugang fehlt. Das Interesse nimmt immer mehr ab.
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In zwei Wochen beginnt die neue Formel-1-Saison: Während im australischen Melbourne die Motoren aufheulen, heulen in Deutschland die Vermarkter. Aus der Formel 1 ist die Formel Fatal geworden.

Das Interesse der Deutschen hat einen absoluten Tiefstand erreicht. Im Jahr 2014 schauten sich durchschnittlich 4,36 Millionen Zuschauer die Rennen auf RTL an – ein Rückgang von 17 Prozent und die schlechteste Einschaltquote seit 1994. Auch für den Deutschland-Grand-Prix sieht F1-Geschäftsführer Bernie Ecclestone kaum eine Zukunft: Die Besucherzahlen fallen dramatisch, die roten Zahlen der Streckenbetreiber steigen. Die Königsklasse verlässt Deutschland.

Mit einer fatalen Markenführung hat die Formel 1 einen schleichenden Totalschaden erlitten. Statt die Marke Formel 1 mit Kontinuität zu stärken, wurde der Sport als Produkt auf diversen Ebenen verändert. Regelmäßigkeit bestand nur in den Reglementwechseln: veränderte Motoren, wechselnde Regeln auf der Rennstrecke und willkürliche Punktevergabe daneben. Im Dschungel von Antriebssträngen, KERS und DRS-Zonen haben nur echte Fans den Durchblick.

Wer sein Produkt im Kern massiv verändert, verliert nicht nur seine Identität, sondern vor allem auch die Gelegenheitszuschauer. Versteht der Sportfan die Regeln nicht mehr, wird ihm jeglicher Zugang verwehrt. Der Fußball verzichtet komplett auf radikale Veränderungen des Regelwerks.

Zudem fehlen der Formel 1 Protagonisten, die einem verschwommenen Produkt Kontur geben. Ihren medialen Höhepunkt erreichte sie im Jahr 2001. Über zehn Millionen Deutsche begleiteten „Schumi“ bei seinem ersten WM-Triumph in der „roten Diva“ Ferrari. Eine starke Marke saß am Lenkrad einer weiteren. Der vierfache Titelgewinn des „Siegroboters“ Sebastian Vettel fesselte hingegen nur die wenigsten.

Ohne Kontinuität und Kontur wird sich die Formel 1 aus Motorsportdeutschland verabschieden. Die Verantwortlichen erhoffen sich aus dem Wechsel von Vettel zu Ferrari eine Trendwende. Aber die Formel 1 wird nur einen nachhaltigen Aufschwung erleben, wenn sie ihr Produkt über einfache und transparente Reglements festigt und Hauptdarsteller mit Ecken und Kanten integriert.

Der Autor: Raphael Brinkert ist Mitinhaber der Agentur Jung von Matt/Sports. Er ist einer von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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