Der Werber-Rat
Fotos von der Stange

Jeden Tag erfinden Leute Dinge, von denen sie glauben, dass die Welt nur darauf gewartet hat. Ausgerechnet eine „Selfie-Stange“ - Hilfsmittel für perfekte Selbstporträts - scheint sich nun weltweit durchzusetzen.
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Die Sonne schien erstaunlich stark vom weiß-blauen Himmel, ich stolperte durch die Münchner Fußgängerzone. Beim Versuch, mich nicht zu verirren, blieb mein Auge an der einen oder anderen bajuwarischen Sehenswürdigkeit hängen, bis sich urplötzlich ein historischer Moment vor mir aufbaute.

Ein Reisebus entleerte sich vor dem legendären Glockenspiel am neuen Rathaus, und unzählige Paare hielten just eine Stange gen Firmament, im Versuch, sich selbst und die neugotische Fassade möglichst vorteilhaft zu porträtieren. Die sogenannte „Selfie-Stange“, ursprünglich von einem sportbegeisterten Kanadier ersonnen, erobert die Welt.

Basierend auf der ebenso einfachen wie schlauen Beobachtung, dass Handy-Selbstporträts zwar globaler Trend sind, aber jeder, bedingt durch die Einschränkungen menschlicher Anatomie, die gleichen Probleme hat: Arme zu kurz. Kopf angeschnitten. Das hilfreiche Ding gibt es deshalb inzwischen in vielerlei Ausführungen und an beinahe jeder Ecke zu kaufen.

Städte voller Stangen! Wie konnte das nur passieren? Seit Malcolm Gladwells Marketing-Bestseller „The Tipping Point“ sind mehr als zehn Jahre vergangen, die Phänomene aber immer noch die gleichen. Das Buch, damals eine mittelgroße Erschütterung in der Marketingwelt, beschäftigte sich mit exakt jenem Moment, in dem ein Trend sich "epidemieartig ausbreitet". Was macht aus einer Schnapsidee einen Weltbestseller? Was macht ein Nischenprodukt für Sportler zu einem Kassenschlager? Was, wenn es eine Formel gäbe?

Leider gibt es diese Formel nicht. Jeden Tag erfinden Leute Dinge, von denen sie glauben, dass die Welt nur darauf gewartet hat. Strategen sinnieren über Möglichkeiten, den richtigen Moment für eine kluge Platzierung zu erwischen. Unternehmen versuchen, neue Rituale in die Welt zu setzen: Die meisten bleiben wirkungslos. Ausgerechnet eine Verlängerung des menschlichen Armes zur Generierung von perfekten Selbstporträts scheint sich nun weltweit durchzusetzen.

Die Reisegruppe verschwindet, mitsamt Stangen, wieder im Bus. Und ich kann meinen Kindern einmal erzählen, beim Tipping-Point der Selfie-Stange dabei gewesen zu sein.

Der Autor: Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk.

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