Der Werber-Rat
Früher waren es mehr Löwen

Die Weltmeisterschaft der Kreativbranche, das Festival in Cannes, hat zwei Dinge gezeigt: Deutsche Agenturen müssen sich mehr anstrengen – und soziale Kreativarbeiten haben bei der Jury einen Stein im Brett.
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Die Welt ist schlecht und voller Habgier. Die ganze Welt? Nein! Ein kleines gallisches Dorf leistet eine Woche im Jahr erbitterten Widerstand. Bis zu diesem Wochenende fand in Cannes wieder einmal das berühmte Kreativfestival statt. Hier wurden die begehrten Löwen für herausragende Filme, Ideen und Werbekampagnen verliehen.

37.400 Arbeiten aus 97 Ländern traten dieses Jahr gegeneinander an. Deutschland hatte sich in den vergangenen Jahren im Länderranking der erfolgreichsten Nationen ziemlich gut geschlagen. Raus aus dem Tabellenkeller und schnurstracks in die kreative Spitze. 15 Kreative aus Deutschland wurden in die diesjährige Jury berufen – ein Ritterschlag.

Wenn es um das Abschneiden der Deutschen geht, gibt es jedes Jahr großes Gejubel in der Martinez Bar. Heuer allerdings auch Buhrufe von der Fachpresse. „Deutschland enttäuscht“ war hier und da zu lesen. Vorbei scheinen die Zeiten, in denen hiesige Agenturen mit einem großen Turnbeutel voller Löwen den Heimflug antraten.

Die internationale Konkurrenz schläft nicht. China macht uns heute nicht nur wirtschaftlich Konkurrenz – in Cannes trumpft die große Nation auch regelmäßig mit großartiger Kreation auf.

Besonders auffällig war dieses Jahr aber die scheinbar globale Sehnsucht, nicht nur ein guter Werber, sondern auch ein besserer Mensch zu sein. Unbedingt! Nur Verkaufszahlen steigern oder 17 Prozent mehr Probefahrten im Mai? Das reicht nicht mehr.

Erfolgreich waren vor allem Arbeiten mit großem Anliegen und großer Mission. Blutspenden, Haarspenden. Und Spendenboxen, in die man nur noch Scheine stecken kann. Freilich wurde hier und da die Nachhaltigkeit mancher Aktion hinterfragt und kritisch beäugt. „Wie viele Obdachlose habt ihr wirklich gerettet?“ wurde hinter Stellwänden voller werblicher Nächstenliebe gemurmelt. Das deutsche Meisterstück kommt von der Agentur Kolle Rebbe: Das interaktive Spendenplakat „The Social Swipe“ räumte sagenhafte sieben Löwen ab.

Nach zwei Tagen ohne Tageslicht wurde es für mich dann allerhöchste Zeit für einen Fußmarsch ins nahegelegene Martinez – und ein frisch gezapftes Paulaner. Manchmal muss man sich einfach mal selbst was Gutes tun.

Der Autor:

Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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