Der Werber-Rat
Ganz legale Werbelügen

Der neue Ratgeber "Lebensmittel-Lügen" prangert die Tricks der Lebensmittelindustrie an. Die Lügen aber sind vom Gesetzgeber gedeckt.
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Der neue Ratgeber "Lebensmittel-Lügen" der Verbraucherzentralen nimmt einmal mehr auseinander, wie kreativ die Lebensmittelindustrie, und mit ihr auch jene, die für sie arbeiten, mit der Realität umgehen. Die Beispiele sind nicht neu: Serviervorschläge auf Packungen, die Dinge zeigen, die nicht drin sind. Kirsch-Müsli mit drei Prozent schockgefrorenen Kirschbröseln drin. Umverpackungen, die mehr Inhalt vorgaukeln. Das beliebteste Beispiel: Kalbsleberwurst vom Schwein, ohne Leber.

Das ist alles sehr ärgerlich und hinlänglich bekannt. Die Diskussion, die ungefähr einmal im Jahr geführt wird, ist berechtigt. Aber sie geht eigentlich am Kern des Problems vorbei. Das liegt nicht an den Tricksereien der Lebensmittelindustrie, sondern am geltenden Lebensmittelrecht. Denn nichts von dem, was da diskutiert wird, wäre verboten.

Im Gegenteil: Das deutsche Lebensmittelrecht ist so gründlich wie kaum ein anderes (alles andere wäre ja auch stark verwunderlich). Doch enthält es Schlupflöcher. Und wie der Mensch mit Schlupflöchern in Gesetzen umgeht, ist bekannt. Steuerfahnder können ein Lied davon singen, und jeder, der schon mal bei der Steuererklärung getrickst hat, darf leise mitpfeifen.

Treten neue Verordnungen in Kraft, werden die Marketing- und Werbeleute kreativ. Als die Health-Claim-Verordnung kam, die das Werben mit nährwert- und gesundheitsbezogenen Aussagen berechtigterweise stark einschränkt, saßen Heerscharen von Textern an ihren Rechnern und formulierten um.

Am Ende waren Produkte nicht mehr "gesund", unterstützten aber immerhin das "tägliche Wohlgefühl". Solche Abschwächungen sind nicht verboten. Genauso wenig, wie es verboten ist, Gänseleberpastete mit sehr, sehr wenig Gänseleber zu produzieren. Oder eine Wiese mit Kühen auf eine Milchpackung zu malen, obwohl die Meierei neben einem Atomkraftwerk steht.

Das Problem der Lebensmittel-Lügen ist also das Lebensmittelrecht. Aus dieser Erkenntnis allerdings ergibt sich eine Frage, die schon leicht ins Philosophische lappt: Könnte es sein, dass man nicht alles richtig macht, obwohl man sich ans geltende Recht hält? Marketing- und Werbeleute sollten sich das hin und wieder ernsthaft fragen.

Der Autor:

Stefan Kolle ist Mitinhaber und Geschäftsführer Kreation der Agentur Kolle Rebbe, Hamburg. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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