DER WERBER-RAT: Ganz oben ist es totenstill

DER WERBER-RAT
Ganz oben ist es totenstill

Warum beurteilen sich Chefs selbst so viel positiver, als es die eigenen Mitarbeiter machen? Die Antwort: Weil sie nichts mehr hören, nichts mitbekommen. Oben auf der Karriereleiter ist es totenstill.
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Mathematisch aufgerundet sind zehn von zehn Vorgesetzten der festen Überzeugung: Ich bin ein guter Chef. Damit bewerten sie ihr Führungstalent höher als ihre Begabung zum Liebhaber oder Autofahrer. Die eigenen Mitarbeiter sehen das anders: Gerade mal 15 Prozent sind zufrieden. Eine frappierende Diskrepanz von Eigen- und Fremdwahrnehmung. Führt die Höhenluft auf der Karriereleiter möglicherweise zu einer kollektiven Wahrnehmungsstörung?

Wenn unsere Wahrnehmung aus dem Gleichgewicht gerät, ist der Auslöser meist eine Fehlfunktion unseres Hörorgans. So auch hier. Die Gefahr der Hörschwäche im fortgeschrittenen Karrierestadium droht.

An der Spitze ist es nicht nur einsam, sondern auch totenstill. Der Chef hört den Flurfunk nicht mehr. Zwar hat er gelernt: Führung ist Kommunikation, zwar versendet er reihenweise Mails, aber es kommt nichts mehr zu ihm zurück. Er hat kein Sendungs-, sondern ein Empfangsproblem. Einmal jährlich lauscht er den Ergebnissen der Mitarbeiterbefragung. Doch die Kästchen vorformulierter Antworten lassen keine Möglichkeit, zwischen den Zeilen zu lesen.

So bleibt dem Chef nur eines: Er glaubt, was über ihn in der Presse steht. Selbst wenn es die eigene Mitarbeiterzeitung ist.

In diesem Vakuum „erfindet“ er seine eigene Führungsrolle und wird zum ambitionierten Chef-Darsteller. Damit ist der große Wahrnehmungsbruch programmiert. Der Brite Daniel Craig kann James Bond spielen, der eigene Vorgesetze muss durch Authentizität und Glaubwürdigkeit glänzen. Schauspielerei erntet Kopfschütteln statt Applaus.

Echte Führungskraft erwächst nur aus persönlichen Stärken. Ignorieren Sie die Schwächen. Es geht darum zu erkennen, was wir sind und was wir werden können. Dabei hilft nur der Blick von außen. Fragen Sie heute zehn Mitarbeiter ganz nebenbei, was sie an Ihnen am meisten schätzen. Sie werden Ihren Ohren nicht trauen und sich hinterher doppelt so stark fühlen. Ihre Stärken sind der wichtigste Anker zur Bindung aller unternehmerischen Kräfte.

„Büro ist eben nicht wie Religion, wo du erst tot sein musst, damit du weißt ob es den Chef überhaupt gibt,“ sagt Bernd Stromberg, Held der gleichnamigen Serie. Und da hat er recht.

Der Autor:

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit.

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