Der Werber-Rat
Geschmackssinn für Europa

Das Abstimmungsergebnis in der Schweiz ist ein Ansporn für uns Europäer. Nur wer Andersartigkeit zulässt, lernt die Vielfalt Europas zu lieben. Mit 20-stelligen Iban-Nummern gelingt das nicht.
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Vielleicht ist das Abstimmungsergebnis zur Verschärfung der Zuwanderung keine gute Werbung für die Schweiz. Ein viel negativeres Licht wirft es aber auf Europa und Staaten wie Deutschland, zeigt es doch wie wenig attraktiv ein europäischer Gedanke ist. Für Deutschland könnte die Schweiz ein Spiegel eigener ‚Vorurteile‘ sein. Richtet sich die Ablehnung doch vor allem gegen die ‚Armutszuwanderung‘ – aus Deutschland!

Während in den Großstädten hier wie dort Zuwanderung eher befürwortet wird, sind es ländliche Kantone wie Appenzell Innerrhoden, die sich laut heute show mit bis zu 63 Prozent für eine Verschärfung der Zuwanderungsgesetzes aussprechen. Mit 9,9 Prozent Ausländeranteil liegt der Kanton dabei sogar 50 Prozent unter dem Schweiz-Schnitt.

Vor Überfremdung haben auch in Deutschland oft diejenigen am meisten Angst, die wenig mit den ‚Fremden‘ in Kontakt kommen. In meinem Heimatdorf hieß es: „Watt dä Buur nit kännt, dat friss dä nit.“ Denn Unbekanntes könnte gefährlich sein. Also is(s)t man lieber vorsichtig. Dass zum Beispiel eine neue Speise auch bereichern kann, ist so nur schwer zu erfahren. Leicht veränderte Rezepturen eines bekannten Gerichtes werden eher Einlass in den Alltag finden.

Mit anderen Worten: Holländer und Österreicher werden kaum als Ausländer wahrgenommen, während uns Araber und Rumänen auch in kleinerer Zahl fremd vorkommen. Dass Deutsche nun in der Schweiz eher unerwünschte ‚Beimischungen‘ sind, sollte dazu veranlassen, unsere Urteile zu überdenken. Deutschland kann dazu beitragen, ein Europa zu schaffen, dass den Geschmacksinn erweitert. Durch nervende Bürokratisierungen wie 20-stellige Iban-Nummern wird das nicht gelingen. Konkretes Erleben des Andersartigen und ‚gemeinsames Essen‘ hingegen hilft.

Persönliche Erfahrungen mit der türkischen Babysitterin verstärken auch auf dem Land die Bereitschaft sich mit ‚fremden‘ Menschen an einen Tisch zu setzen. Eine bessere Verteilung der Zuwanderung auf Stadt und Land schafft so wahrscheinlich mehr vereinigtes Europa als jede Aufklärung. Denn wenn der direkte Nachbar aus dem Ausland kommt, dann klappt‘s irgendwann hoffentlich auch mit dem europäischen Nachbarn.

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin und Inhaberin der Marktforschungsagentur Rheingold Salon. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons. Quelle: Ulrike Reinker
Ines Imdahl
/ Psychologin, Inhaberin Rheingold Salons

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Geschmackssinn für Europa"

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  • @WBoehme: Sehe ich genau so.

    @Handelsblatt: Mit dem Titel dachte ich: WOW Endlich! Handelsblatt scheint es verstanden zu haben. Aber als ich dann den Text leste wurde mir klar: Nein noch nicht.

  • Nett geschrieben, aber zu kurz gedacht.

    Es mag aus Sicht eines Werbers möglich sein, jeden Missstand durch "Kommunikation" besser zu verkaufen. Aber irgendwann merken auch die mit Wellness-Kommunikation erschlagenen Bürger, dass Kommunikation oft nur eine Mogelpackung ist, und zur Herrschaftstechnik wird, wenn es gelingen sollte Dreck für Gold zu verkaufen.

    Jedenfalls ist das Thema Zuwanderung wesentlich komplexer zu diskutieren als es gegenwärtig durch die Leitmedien kommuniziert wird. Einfaches Beispiel: Wir reden nur "Zuwanderung", weil qualifizierte Zuwanderung von gewissen Teilen der Wirtschaft erwünscht wird. Aber - und das wird ausgeblendet - Jeder Zuwanderer ist in seinem Herkunftsland auch ein "Abwanderer", ähnlich symmetrisch wie Schuldenkrisen zugleich auch Guthabenkrisen sind.

    Anstatt nur über "Fremdenfeinlichkeit" zu schwadronieren, wäre es endlich mal an der Zeit zu fragen, wie sinnvoll ein Austausch der Bevökerung innerhalb der EU ist, ob etwa der Bulgarische Akademiker, der das deutsche Angebot an Fachkräften bereichert, nicht in seiner Heimat ein Abwanderer ist, der eine schmerzhafte Lücke hinterlässt. Man erinnere sich an Deutsch-Deutschen Bevölkerungsaustausch. Wie war das noch mit dem angeblichen Aufbau Ost, der ganze Landstriche im Osten um ein Millionenheer von Arbeitssuchenden entvölkerte, so dass Zyniker das Wort DDR schließlich mit "der-doofe-Rest" übersetzten?

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