Der Werber-Rat
Gewinne mit Nachsicht

Wenn die Wirtschaft wächst, dann leidet die Umwelt: Dieser Zusammenhang gilt nach wie vor in vielen Bereichen. Eine deutsche Großindustrie macht nun vor, dass es anders geht. Die Geschichte von schonendem Profit.
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Zwei Begriffe kommen sich in die Quere, seit Jahren liegen sie im Clinch. Als Schlachtruf verschiedener Weltbilder bringen sie die einen in Verzückung, die anderen zur Weißglut. Sie heißen: Wachstum und Nachhaltigkeit.

Wachstum gilt als Fetisch von Börse und Industrie. Man assoziiert Gier, Raubbau, Ressourcenverschwendung, Wohlstand. Weniger auf Kosten vieler. Nachhaltigkeit dagegen sei Schonung der Umwelt, Recycling, sanfte Technik, Bewahrung der Schöpfung.

Und nun dies: Der frühere Präsident und jetzige Vize des Chemieverbands und Evonik-CEO Klaus Engel springt nicht zum ersten Mal über beide Schatten. Er bringt die Begriffe zusammen, fordert: Gebt euch die Hand und vertragt euch!

Kann man nachhaltig wachsen? Gibt es Methoden, die Effizienz zu steigern, ohne gleichzeitig Energie zu verprassen, Flächen zu versiegeln und Menschenopfer zu fordern? Was bedeutet Nachhaltigkeit, wenn die Weltbevölkerung wächst und sich nicht mit den Krümeln vom Tisch der Reichen abspeisen lässt?

Die Antwort Engels: Mehr Sein als Haben. Neue Produkte dürfen nicht "mehr desselben" bieten, sondern müssen - bei geringerem Ressourcenverbrauch - die bessere Lösung sein. Köpfchen gegen Masse. David schlägt Goliath. Der beste Rohstoff ist Kreativität. Bei dieser Art Wachstum liegen die Grenzen nicht dort, wo sie der "Club of Rome" vermutete, sondern im Innern der Produkte. Dort liegen ungehobene Schätze.

Ein Großunternehmen, das seine Prospektoren in diese Räume schickt, hat den Schritt in die Zukunft getan. Es überlistet Denkbarrieren und damit das gefährlichste Fortschrittshemmnis. Es schließt keine Patente weg. Es lässt dezentrale Lösungen zu, und nimmt so der eigenen Größe den Schrecken.

Große Wirtschaftskonzepte sind ohne gesellschaftliche Akzeptanz nicht mehr möglich. Vor dem Politischen Forum Ruhr sprach der Evonik-Chef von einer neuen "Chancenkultur". Sie erzeugt den Überfluss an Alternativen, unter denen man wählen kann, mit Versuch und Irrtum und ohne ideologische Hitzewallungen. Brückenbauer sind gefragt. Wachsende Nachhaltigkeit generiert durchaus nachhaltiges Wachstum.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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