Der Werber-Rat
Globalisierung und der liebe Gott

Da kommt ein junger Mann aus Nigeria nach Deutschland, um sich zum Werber ausbilden zu lassen. Er ist begabt, hat tolle Ideen und setzt sich gegen viele Widrigkeiten durch. Nur gegen eine nicht.
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Ich sag’s lieber gleich: Diese Geschichte geht nicht gut aus. Dabei hat alles so wunderbar angefangen. An einem verregneten Tag im Juli 2011 kommt Babatunde Adebola nach Hamburg. Im Gepäck: ein großer Traum. Baba will Werbung machen, die die Welt verändert. Der junge Mann ist mit großer Entschlusskraft gesegnet - zu Hause in Nigeria, verkaufte er alles, was er besaß, um in Deutschland an der Miami AD School, einer der angesehensten Kaderschmieden der Zunft, zu studieren.

Mit 1 600 Euro landete Baba in Hamburg. Auf dem Weg vom Flughafen zur Schule erzählte ihm ein Mitreisender, dass er ihm eine Wohnung besorgen werde - und verschwand mit dem Geld, das ihm Baba gutgläubig anvertraut hatte. So stand er dann, endlich am Ziel seiner Reise, vor der Schule seiner Träume.

Niklas Frings-Rupp, der Schulleiter, kümmerte sich rührend um ihn. Baba hatte zwar kein Geld mehr, dafür aber einen Kopf voller revolutionärer Gedanken. So kam es, dass mich Niklas fragte, ob ich seinen Schützling nicht beschäftigen könnte.

Ich sagte mir: Wo ist das Problem? Es war dann aber gar nicht so leicht, diesen Jungen aus Nigeria einzustellen. Die Auflagen der Behörden sind Quelle-Katalog-dick. Und man hat schnell den Verdacht, es gehe um die Ausschreibung eines neuen Berliner Flughafenprojekts.

Auch Baba fragte sich, wie es sein kann, dass in globalen Zeiten, in denen es vermeintlich nur um die besten Ideen geht, der Pass immer noch die größte Barriere ist. Es war alle Mühe wert, wir wurden reich beschenkt: mit Ideen, die so entzückend und berührend waren, dass wir manchmal heimlich weinen mussten. Baba, der Wunderknabe. Er befreite Schmetterlinge aus dem Bauch von Audi-Fahrern und lockte „Bild“-Leser mit dem Duft von frisch gebackenem Brot.

Zurück in seiner Heimat Nigeria machte Baba eine steile Karriere. Er wurde Kreativdirektor in einer Werbeagentur und schrieb mir einen poetischen Brief. Letzte Woche rief mich Niklas wieder an, diesmal hatte er keine guten Nachrichten. Babatunde Adebola starb am Samstag, den 16. August in Lagos.

Lieber Gott, das war keine gute Idee.

Der Autor:

Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk. Er ist einer von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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