Der Werber-Rat
Hauptsache, die Philosophie stimmt!

Mit der Sendung „Precht“ kommt die Philosophie endgültig im Mainstream an. Sie soll die bohrende Frage nach dem Sinn im 21. Jahrhundert klären. Ein Prinzip, das auch die Werbung verstanden hat.
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Philosophie ist „in“. Jedes Unternehmen hat seine Philosophie, jede Behörde hat die ihre. Es gehört ganz einfach zum guten Ton und zum rechten Image, eine Philosophie zu haben. Niemand weiß so genau, was das Wort in solchem Zusammenhang bedeutet, aber bedeutsam ist es.

Das war lange Zeit anders. Bis zu Jostein Gaarders Weltbestseller „Sophies Welt“, worin eine 14-jährige Göre die Neugiergeschichte des menschlichen Denkens über die großen Fragen erlebt, galt Philosophie als verstiegen und schwierig. Denken „an sich“ war brotlose Kunst. Philosophen waren verschrobene Existenzen, die sich nachtaktiv mit der Frage beschäftigten, warum das Sein „ist“ und nicht „nicht ist“. Einsame Gegenbeispiele in den Radio- und Fernsehprogrammen wurden erst verhöhnt, dann verelendet und schließlich abgeschafft. Aber – so war es schon immer – Philosophie kann warten. Sie hat Zeit.

Und nun ist sie wieder da. Es gibt einen Hunger nach Sinn. Leute wie du und ich treffen sich in „Philosophischen Cafés“. Der neue „Sloterdijk“ oder „Dworkin“ werden wirklich gelesen und diskutiert. Und auch Rundfunk und Fernsehen sind wieder da. Kürzlich hieß die ZDF-Reihe noch etwas betulich „Philosophisches Quartett“. Ihr Nachfolger heißt nur noch „Precht“, und jeder weiß Bescheid.

Das Phänomen ist modern, aber nicht modisch. Unsere Welt hat einen Grad von Komplexität erreicht, der dem biblischen Tohuwabohu gleicht. Wir sind der Fragmentierung vieler Abläufe nicht mehr gewachsen. Der ethische Schwund in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft macht uns Kummer. Der weltweite Umbruch ins 21. Jahrhundert stellt bohrende Fragen. Der Bedarf an Durch- und Überblick ist kaum zu stillen.

Auch Werbung der AAA-Klasse hat erkannt, dass sie den Leuten nur dann Produkte verkaufen kann, wenn sie ihnen beim Leben hilft. Der teuerste Rohstoff ist dabei Vertrauen. Er wurde in den vergangenen Jahren rücksichtslos vergeudet.

Politik wurde ungewöhnlich argumentationsarm. Es lohnt sich nicht nur, es ist auch gut und richtig, wenn Betriebe, Parteien und Gruppen aller Art sich zuweilen fragen, warum sie „sind“ und nicht „nicht sind“. Es lohnt sich gerade auch für die Wirtschaft, Argumentationsfähigkeit zu üben; für ihre Sache einzustehen. Politiker glauben, dass von ihnen vertretene Wirtschaftsprojekte zu oft Wähler verschreckt haben. Zu viele surfen lieber auf den Emotionswellen, statt ihnen Richtung zu geben.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Hauptsache, die Philosophie stimmt!"

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  • Auf jeden Fall könnte die Melange aufgehen: Eine Philosophiesendung (oder die vorgeben dies zu sein - am Ende nur noch ein von vielen Schlagworten) gleicht sich der mit 'Mehrwert' und an den vermeintlichen Sinnfragen ihrer Kunden anknüpfenden Werbung an. Irgendwann ist es nicht mehr zu unterscheiden. Andererseits muss man sich das ja auch nicht ansehen - warum überhaupt im Fernsehen, das ist ein Unterhaltungsmedium, und mancher Film hat zufällig mehr Philosophie im kleinen Finger als Herr Precht im ganzen Studio.

  • Das ist ja mal klar: Schnödes Gewerkel im Materiellen bis zum sinnentleerten Ableben nach 100 Jahren waren die Rezepte der Vergangenheit und degradieren das Menschsein auf seine vergänglichste Komponente.

    Ich freu mich darauf: Die wohl auch schon nahe Zukunft wird uns mehr bisher verborgene Zusammenhänge offerieren, die neue Eckpfeiler im Kontext des 'Lebenswerten Ideal' einrammen. Starre intellektuelle Definitionen in 'richtig und falsch' sowie 'wertvoll und wertlos' werden gesprengt und neu besetzt. Das kommt gewaltig... ;-)

  • Hombach und Precht sind beide drittklassig. Weder den einen noch den anderen benötigt man in seinem Leben.

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