Der Werber-Rat
Höflichkeit und Politik

Im politischen Alltag sinkt der Pegel des Anstands. Doch Parlamente, deren Mitglieder sich gegenseitig verunglimpfen, verlieren am Ende ihr wichtigstes Gut: den Respekt der Öffentlichkeit.
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Immanuel Kant hielt Höflichkeit für ein Tauschmittel auf dem Markt der menschlichen Beziehungen. Wie Geld sollte es nicht im Übermaß vorhanden sein, aber auch nicht geizig gehortet werden. Höfliche Zeitgenossen sind „Währungshüter“ der politischen Kultur.

Nicht jeder hat die Gabe, Grobheiten schlagfertig zu parieren. Als Winston Churchill im Unterhaus eine Rede hielt, unterbrach ihn eine wütende Opponentin: „Wenn Sie mein Mann wären, ich würde Ihnen Gift in den Tee rühren!“ - Churchill gab zurück: „Und wären Sie meine Frau, ich würde ihn trinken.“

Noch feinzüngiger reagiert Cyrano de Bergerac im gleichnamigen Theaterstück von Edmond Rostand. Ein ungehobelter Mensch attackiert ihn mit Schimpfworten wie „Rüpel, Lügner, Verbrecher, gemeiner Lump“. Der andere hört sich das in Ruhe an, dann verneigt er sich und sagt: „Angenehm. Ich heiße Cyrano de Bergerac.“

Im politischen Alltag scheint der Pegel des Anstands zu sinken. Grobe Unhöflichkeiten entwerten jedoch die besten Argumente. Letztlich beschädigen sie die politische Kultur. Die Reichstagsgefechte der Weimarer Republik waren am Ende nur noch verbale Straßenschlachten. Parlamente, deren Mitglieder sich nicht selber schätzen, sinken auch in der öffentlichen Wertschätzung.

Andererseits: Die kalte Ehrlichkeit des politischen Misanthropen ist kaum die bessere Wahl. Wer die feine Kosmetik menschlicher Schwächen und Fehler „ums Verrecken“ nicht dulden will, der entlarvt am Ende nur seine eigenen.

Höflichkeit wurde notwendig, als „bei Hofe“ das Gedränge auf den Korridoren größer wurde. Die Hoheitszone, die jeden Menschen unsichtbar umgibt, wurde ständig verletzt. Es bedurfte kleiner Rituale (Verneigung, Lächeln, seichtes Plaudern), damit nicht dauernd der Degen aus der Scheide flog.

Gewiss: Umgangsformen sind oft nur scheinbarer Respekt, aber sie erlauben jedem, das „Gesicht zu wahren“. Wenn die Politikerkaste sich untereinander nicht respektiert, wie kommen andere dazu? Für die ist es auch an der Zeit, reflexhafte Übertreibungen bei der beliebten Politikerschelte etwas zurückzuschrauben. Sonst wollen gerade die Besseren den Job nicht mehr machen.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik und Vorstand der Brost-Stiftung. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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