Der Werber-Rat: Im Schwarm zu reifen Produkten

Der Werber-Rat
Im Schwarm zu reifen Produkten

Crowdfunding bietet die Chance, kleinen und feinen Projekten Leben einzuhauchen – indem es die Finanzierung überhaupt erst ermöglicht. Die Schwarmfinanzierer finden sich mittlerweile in vielen Marktnischen.
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Edelfäule hat als Wort ungleich geringere Chancen als sein englisches Pendant, Noble Rot, je den Titel eines Genuss-Magazins zu zieren. Und so hätte es mich 2013 im Gegensatz hierzu auch nicht motivieren können, „Schwarmfinancier“ zu werden. Noble Rot ist nämlich nicht nur ein Phänomen im Weinberg, sondern seitdem auch so etwas wie ein englisches „11 Freunde“, nur für Wein- statt für Fußballverrückte: unverkrampft, humorvoll und rebellisch. Und es hat – neben den engagierten jungen Gründern – 275 anderen Unterstützern und mir sein mittlerweile zweites Jahr als Printmagazin zu verdanken.

Wir 276 Verrückten haben nämlich über Kickstarter das Projekt zum großen Teil vorfinanziert. Immerhin 11.607 Pfund kamen in der Hoffnung zusammen, Monate später ein bis dahin nur als Probeheft existierendes Weinmagazin in Händen zu halten. Ob die Jungs es ohne unsere Finanzierung auch zur Marktreife gebracht hätten? Einen risikofreudigen Kreditsachbearbeiter zu finden wäre nicht trivial gewesen – zu ungewiss ihre Erfolgsaussichten.

Aber hier schlug der Zauber der Digitalisierung voll durch: Angebot – und sei es noch so abwegig – findet oder schafft seine Nachfrage. Ungehinderter Zugang zu Gleichgesinnten weltweit, Austausch mit ihnen zu marginalen Grenzkosten und eigenes Engagement der Nachfrager lassen die Akquisitionskosten sinken – und die weit verstreuten Interessenten werden zu einer bearbeitbaren Marktnische.

Alle Arten von Schwarmfinanzierung erschließen den alternativen Zugang zum Geld. Während Crowd-Donating-Plattformen wie Betterplace.org das Spenden vor allem transparenter gemacht haben, kommt bei Crowdinvestment-Vermittlern wie Seedmatch oder typischen Crowdfundern wie Startnext.de oder eben Kickstarter ein immens wichtiger Aspekt für die Projektinitiatoren hinzu: Sie erhalten eine beinharte und unbestechliche Marktanalyse, die keine Umfrage je liefern könnte. Stößt ihre Idee nur auf höfliches oder wirklich auf geldwertes Kaufinteresse? Wenn nicht, können sie vor einem teuren Flop immer noch an Produkt oder Konzept feilen, denn diese scheinen ja noch nicht marktreif zu sein. Edelfäule nennt man übrigens auch Edelreife. Vielleicht ein Wink.

Der Autor: Torben Bo Hansen ist Mitinhaber der Agentur Philipp und Keuntje. Er ist einer von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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