Der Werber-Rat
Immer weniger wollen in der Hierarchie nach oben

René Obermanns Rückzug bei der Telekom zeigt: Ein erfülltes Leben mehr braucht als Karriere, Kapital und Macht. Fremdbestimmung, Kapitalinteressen und Burn-out sind keine attraktiven Perspektiven.
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Ist René Obermann nur die Speerspitze einer Bewegung, die unser Wirtschaften und Arbeiten nachhaltig verändern wird, oder ist er mit seinem Wunsch „mehr Zeit für Kunden, Produktentwicklung und Technik“ zu haben, allein auf weiter Flur?

Mag man Glücksforschern Glauben schenken, dass es für ein erfülltes Leben mehr braucht als Karriere, Kapital und Macht, dann könnte man in Obermanns angekündigtem Abgang ein Bekenntnis zum Beruf erkennen oder besser zur Berufung. Mit seinem Wunsch, wieder „stärker unternehmerisch geprägte Aufgaben“ zu übernehmen, wird deutlich, wie weit - insbesondere auf Vorstandsetagen - die Welten auseinanderklaffen.

Macht wird gemeinhin als Sanktionsmacht und nicht als Integrationsmacht verstanden und gelebt. Und so versperren etablierte Denk- und Verhaltensmuster den Blick fürs Wesentliche, nämlich den Kunden und seine Bedürfnisse und die Fähigkeiten der Menschen in den Unternehmen.

Nicht erst seit gestern machen die Ansprüche besagter Generation Y den Unternehmen zu schaffen. Mehr Work-Life-Balance, mehr Sinn, mehr Familie, mehr Selbstverwirklichung. Woher sollen die Führungskräfte von morgen kommen, wenn Leistungsbereitschaft sich primär an der Frage nach Freizeit und Hobby, denn an der Leidenschaft für die Sache orientiert? Und so beobachten also einige Personalberater voller Sorge den Trend zur „quality time“.

Demografischer Wandel und das Ende der Baby-Boomer-Generation werfen ihre Schatten voraus: Christoph Fellinger, im Nivea-Konzern Talent Relationship Manager, versucht herauszufinden, was junge Menschen motivieren könnte, sich für Nivea als Arbeitgeber zu entscheiden. Er bemerkte vor kurzem in der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“: „Wer das nicht schafft, hat in spätestens drei Jahren einen echten Wettbewerbsnachteil“.

Die einen verlieren ihr Glück aus dem Blick, weil sie keine Zeit dafür haben und die anderen die Fähigkeit Glück zu empfinden, weil Leidenschaft und Begeisterungsfähigkeit fehlen. Jahrzehnte haben sich die Menschen danach gesehnt in der Hierarchie nach oben zu steigen um dann, ganz nach dem Peter-Prinzip, zwar nicht mehr kompetent, aber im Besitz der Macht zu sein. Nun wollen immer weniger nach oben, weil Fremdbestimmung, Kapitalinteressen und Burn-out keine attraktiven Perspektiven sind. Vielleicht hat uns der Mayakalender doch etwas zu sagen und wir stehen vor einer neuen Zeitrechnung.

Die Autorin:

Uli Mayer-Johanssen ist Gründerin und Chefin der Markenagentur Meta-Design in Berlin. Sie ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Uli Mayer-Johanssen
Uli Mayer-Johanssen
/ Kolumnistin

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Immer weniger wollen in der Hierarchie nach oben"

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  • Schon seltsam, wenn ein Vorstand wieder „stärker unternehmerisch geprägte Aufgaben“ zu übernehmen gedenkt, in der Tat. Obwohl der Beitrag ein wichtiges Thema anschneidet, zeigt es auch, wie Krank die Unternehmen sein können - da stimme ich hermann.12 zu. Und dies, so weiss ich aus direkter Erfahrung, ist nicht nur ein Problem der oberen Etagen: da ist das ganze Haus betroffen! Deswegen wundert es auch nicht, dass Kunden es dem Vorstand gleich tun - auch sie suchen ihr Glück woanders!

  • Letztlich ist dies ein Opportunitätsproblem, in den oberen Etagen geht es schon lange nicht mehr um die Sache, sondern primär um macht und das passende Geschachere dazu.
    Wer wirklich der Sache dienen will, merkt ganz schnell das das eher un erwünscht ist, weil das zu viele Interessen berührt, denen das unbequem ist.
    In so komplexen Institutionen wie den Konzerne führt das bis zur fast vollständigen Handlungsunfähigkeit, die lediglich durch gesetzgeberische Privilegierung und schierer Größe kompensiert wird. Kleinere Unternehmen mit gleichen Mechanismen würden binnen Wochen zusammenbrechen, wegen mangelnder Wettbewerbsfähigkeit.
    Dem kann man nur mit weiterer Bevorzugung bis hin zur indirekten Planwirtschaft, d.h. Kontrolle der märkte begegnen oder mit sofortigen Zusammenbruch.
    Alles keine Perspektiven, die dazu geneigt wären sich des Problems wirklich anzunehmen. Alles dazwischen scheitert an den Interessen der verschiedenen Machtträger.
    Die unauffällige Nische ist heute vielfach attraktiver, vor allem, wenn einen wirtschaftliche Sorgen nicht plagen müssen.

    H.

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