Der Werber-Rat
In der Wahrnehmungsfalle des Zahlensystems

Wir predigen den Griechen das Sparen, aber zahlen selbst unsere Schulden trotz guter Wirtschaftslage nicht zurück. In der Dezimalfalle lässt es sich eben gemütlich wohnen.
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Den "Kölner Stadt-Anzeiger" schmückte jüngst eine Karikatur: Im Universum steht ein winziger Fixstern namens "Griechenland". Ihn umkreist die Erde als riesiger Trabant. "Verrückte Welt" nennt der Zeichner sein Werk. Wer oder was ist hier verrückt?

Sind Finanzjongleure unbelehrbar und unbeherrschbar? Ist es das pubertäre Euro-Finanzsystem, in dem sich ein Staat nach Herzenslust austoben darf, bis man ihm irgendwann das Taschengeld kürzt? Teilt sich Europa in unmündige Schutzbefohlene und "Erziehungsberechtigte"? Muss man den Sonnenländern des Südens preußische Tugenden und schwäbische Sparsamkeit verordnen? Sind 2,7 Billionen Euro deutsche Staatsschulden "Peanuts", weil alle Welt glaubt, wir könnten sie aus der Portokasse bedienen?

In Nordrhein-Westfalen sollen Externe einer Effizienzkommission in zwei Jahren beim Sparen helfen. Vielleicht stecken wir in einer gemütlichen Wahrnehmungsfalle unseres Zahlensystems. Sie schrumpft gigantische Beträge auf wenige Ziffern, die harmlos tun. Man kann mit ihnen jonglieren und auf dem Hochseil tanzen, als wäre nichts dabei.

Ein kleines Spiel mag uns heilsam das Fürchten lehren: Schreiben wir die Zahl 2,7 Billionen mal in einzelne Tausender zerlegt nebeneinander auf einen Papierstreifen. (Wer wissen will, welchen Wert 1 000 EURO haben, kann sich bei jedem Hartz IV–Empfänger erkundigen.) Wenn nun jeder Tausender einen Zentimeter beansprucht, wie lang müsste der Papierstreifen sein, um auf diese Weise die deutschen Staatsschulden auszudrücken?
Man frage, wen man will. Die Zaghaften versuchen es mit 20 Metern, die Mutigen mit 200. Die richtige Antwort ist: 27.000 Kilometer.

Der europäische Schuldenzettel würde zweieinhalb Mal um die Welt reichen. Der Amerikanische vier Mal. Wir predigen den Griechen mit erhobenem Zeigefinger: sparen inmitten dramatisch schrumpfender Wirtschaft. Bei uns sprudeln die öffentlichen Einnahmen, und wir haben noch keinen Cent unserer Schulden zurückgezahlt.

Eine geringere Kreditaufnahme, und schon schlagen wir uns anerkennend auf die Schulter. In der Dezimalfalle lässt es sich behaglich wohnen. Wer vom Wolkenkratzer stürzt, meint, es sei ja schon hundert Stockwerke gutgegangen.

Und wer nicht an seiner Kette zerrt, hält sich für frei. Wer öffentliche Ausgaben als soziale Geschenke verkleidet und nicht danach fragt, wer die Rechnung zahlt, führt in die Irre. Der Autor ist einer von fünf Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: In der Wahrnehmungsfalle des Zahlensystems"

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  • ESM verstößt gegen Grundgesetz wie EU-Verträge.

    In Zusammenhang mit der Euro-Schuldenkrise gibt es bereits zahlreiche falsche Einschätzungen und Lügen. Wie nachfolgend:

    Deutschland kann sein Veto einlegen, wenn die Voraussetzungen für Hilfen nicht gegeben sind – und davon werde ich Gebrauch machen“ (Bundeskanzlerin Angela Merkel im März 2011). Die „strikten Auflagen“ unter denen ein Euro-Sorgenland Geld von den europäischen Partnern bekommen kann wurden von der Bundeskanzlerin beschrieben.
    Die Realität ist eine andere. Griechenland hat die Auflagen aus dem ersten Rettungspaket nicht erfüllt, wie die Troika festgestellt hat. Trotzdem bekam Griechenland per zweitem Rettungspaket neue Milliardenkredite, Frau Merkel schwieg.
    „Wir können Zinsen nicht sozusagen künstlich herunterrechnen“ (Bundeskanzlerin Angela Merkel im März 2011). Dabei kritisierte Frau Merkel die Anleihekäufe der EZB.
    Die EZB versucht mit ihren Anleihekäufen seit 2010, die Märkte auszutricksen. Durch den Kauf von Schuldpapieren in Milliardenhöhe versucht die Zentralbank, die Renditen für die Euro-Pleitekandidaten „künstlich“ zu drücken.
    Das ist eine Staatsfinanzierung, die der Notenbank verboten ist. Zu den jüngsten Aussagen der EZB schwieg abermals Frau Merkel.
    Und der Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble legte sich im Juli 2010 voll in die Nesseln „Die Rettungsschirme laufen aus. Das haben wir klar vereinbart“.
    Inzwischen ist klar: Der Euro- Rettungsschirm EFSF wird zwar abgelöst, aber ersetzt durch den permanenten Rettungsschirm ESM.
    Tatsächlich geht ohne Rettungsschirm gar nichts mehr.
    Zum fehlenden Vertrauen der Bundesbürger bis hin zum vollständigen Vertrauensverlust keine weiteren Fragen mehr.

  • Wenn man die 1000er verdichtet auf einen halben Zentimeter schreibt, kommt man nur auf 13.500 km. Da der Erdumfang um den Äquator ca. 40tkm beträgt, wäre es nur 1/3 Wegstrecke. Sieht gleich schon viel besser aus ;-)

  • Unabhängig von Rechenkünsten: In der Grundaussage hat der Artikel Recht: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen schmeissen.

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