Der Werber-Rat
Körpersprache im Wahlkampf

Die digitale Welt hat uns noch nicht total erobert. Stattdessen erfreuen wir uns an analogen Zeichen. Es sind Botschaften, die nicht exakt sind, sondern unscharf — und damit Raum für wichtige Interpretationen lassen.
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Wir leben in der digitalen Welt. „Null“ und „eins“ sind die Vokabeln der neuen Weltsprache. Sie beschreiben, berechnen alles. Der Rest scheint nicht mehr zu existieren.

Weit gefehlt.

Im Wahlkampf ging es nicht nur um Algorithmen, Umfragestatistik und Balkendiagramme. Stattdessen plötzlich um Körpersprache, um Halsketten, Fingerzeige, Mundwinkel, das Lächeln der Mona Merkel und die schmalen Lippen des Herausforderers.

Finanz- und Schuldenkrise waren nicht gefragt. Man starrte begeistert auf analoge Symbole und Fettnäpfchen. Es war unsäglich schwer, sie zu verfehlen. Stern- und Vogelflugdeuter der Medien hatten zu tun. Das war der Rückfall ins Menschliche. Politiker, die analoge Fehler machen, die lieber an der falschen Stelle lachen, als sich eine digitale Maske verpassen zu lassen, sind noch mehrheitsfähig, denn Fehler machen wir alle.

Digitale Signale sind ein exakt definierter Zustand. Analoge Signale dagegen sind unscharf. Man kann sie so oder so deuten. Bei Fehlern sagen sie „na und?“

Die Digital-Uhr war mal der große Hit: Stunden, Minuten und Sekunden waren eine Zahl. Die Zeitmessung hatte die Null-Dimension erreicht. Der Blick auf die Armbanduhr zeigte nur noch den Zeit-Punkt; das aber mit größtmöglicher Präzision.

Die öde Zahl begann schon bald zu langweilen. Das Neue und Sensationelle verdunstete. Reumütig kehrten viele zur analogen Zeigeruhr zurück.

Die Zeiger bewegen sich, einer schnell, der andere langsam. Sie wandern entlang der Ziffern und überstreichen dabei eine Fläche. Die Zeit ist Zeit-Raum. Ich wohne darin, lasse mich milde antreiben oder bremsen. Ich sehe und fühle es, wenn mir noch Zeit für eine Tasse Kaffee bleibt.

Neuerdings steht bei mir noch eine Sanduhr. Ich drehe sie um, wenn ich Lust dazu habe. Dann rieselt der feine Sand durch die enge Taille des Glases. Nach rund 20 Minuten bleibt diese Zeit wieder stehen. Den scharfen Zeit-Punkt ersetzt der unscharfe Zeit-Raum. Mehr noch: Diese Zeit verrinnt. Sie ist ein leise mahnendes Ereignis im Hintergrund.

Die digitale Welt hat uns noch nicht total: Analoge Zeichen sind Botschaften, selbst für Gewinner und Verlierer einer Wahl.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik und
Vorstand der Brost-Stiftung.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Körpersprache im Wahlkampf"

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  • Die Körpersprache einer Marionette. Die Spieler haben sehr sehr viel Geld in diese Marionetten gesteckt.

    http://de.statista.com/statistik/daten/studie/190603/umfrage/erhaltene-parteispenden-seit-2002/

    Und sie können sich gewiss sein, ziehen sie am richtigen Faden, hebt sich die Hand im Bundestag zur Abstimmung in ihrem Sinne.

  • Aber die Merkel verwöhnt uns doch nicht nur zu Wahlkampfzeiten mit ihren rautigen Händen, ...
    das macht die immer, wenn sie herumsteht. Offensichtlich gehört sie zu den Menschen, deren Körpersprache sehr rudimentär ausgebildet ist. Denn ihre Körpersprache harmoniert gar nicht mit ihren verbalen Äußerungen. Wahrscheinlich ist die Raute weiter nichts als eine Verlegenheitsgeste, die ihre erbärmliche Körpersprache bereichern soll!

  • Die Körpersprachenklamotte: immer wieder gerne genommen wie gegeben.
    Das Gesamtkunstwerk Mensch ist und bleibt halt nicht die Summe seiner Teile - und immer noch soll es Menschen geben, die annehmen, wenn man Gesagtes schon nicht versteht soll es die Körpersprache richten.

    Das ist natürlich ein weites Feld für Trainer und andere
    Hierologen und ganz gewiß für das ganze Heer von Daseinsinterpreten, denen Bekümmertheit ins Gesicht gemeißelt wirken könnte - ahnte man nicht, dass dahinter Prolegomena stehen könnten, die aus der Verhaltensbiologie von Schimpansen abgeleitet sein könnten.

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