Der Werber-Rat
Kontrolle statt Freiheit

Der Freiheitsdrang der 68er-Generation ist passé. In Zeiten der Krise sind Anstand und Moral gefragt. Doch wer gibt vor, was politisch und ethisch korrekt ist. Und wer kontrolliert das rechte Verhalten?
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Der Freiheitsdrang der 68er ist in Deutschland vorbei. Jahrzehntelang war es den Menschen wichtig, Regeln infrage zu stellen und dagegen zu rebellieren. Um zwölf Uhr wird gegessen, was auf den Tisch kommt? Das wollten wir ebenso wenig akzeptieren wie die Ansichten, dass Jungen kurze Haare haben müssen, Mädchen nur mit Puppen spielen und Sex erst nach der Eheschließung erlaubt ist. Auch gegen staatliche Eingriffe haben wir uns gewehrt. Orwells „1984“ war unser Alptraum. Und heute sehen wir mit an, wie Menschen sich freiwillig rund um die Uhr im Big-Brother-House beobachten lassen.

In unseren Studien zeichnet sich seit 2008 ein beständig zunehmender Kontroll- und Moralisierungstrend ab. Managern und Bankern wird angesichts der Finanz- und Euro-Krise Habgier und fehlender Anstand vorgeworfen.

Das Bedürfnis nach Ehrlichkeit, Moral und Sicherheit wächst seitdem stetig. Zunehmend entwickelt sich eine Schwarmmoral, die weitreichende Regeln und Gesetze aktiv einfordert. Das John-Stuart-Mill-Institut misst in diesem Jahr einen sinkenden Freiheitsindex. Dabei kann man vielleicht noch verstehen, dass über 80 Prozent harte Drogen, über 70 Prozent das Klonen von Menschen und rechtsradikale Parteien verbieten möchten. 64 Prozent allerdings wollen ganz allgemein auch ungesunde Lebensmittel untersagen. Da kann einem schon mulmig werden. Wollen wir wirklich ohne Schokolade, Chips, Kuchen und Eis leben?

Wer legt eigentlich fest, was gesund und ungesund ist? Im Kölner Schokoladenmuseum wird klar, dass Schokolade einst als Medizin galt. Für viele ist sie das sicher immer noch. Bleibt nur ein Hoffnungsschimmer: Das Rasen auf den Autobahnen wollen sich 83 Prozent nicht verbieten lassen. Das wäre der Freiheitsbeschränkung zu viel.

Daran zeigt sich, dass Regelungen und Normen immer kultur- und werteabhängig sind. Renate Künast etwa war bei der Gründung der Grünen für die Legalisierung von weichen Drogen. Bei der Kandidatur zum Berliner Bürgermeisteramt wollte sie die Schokoladenwerbung rund um Schulen verbieten. Natürlich sind Politiker oft Fähnchen im Wind, aber eben auch Kinder ihrer Zeit und damit abhängig von sich wandelnden moralischen Werten: Kontrolle statt Freiheit.

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons.

Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons. Quelle: Ulrike Reinker
Ines Imdahl
/ Psychologin, Inhaberin Rheingold Salons

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Kontrolle statt Freiheit"

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  • Es ist schon erstaunlich, wie wenig wir uns bewusst sind, dass unserer öffentliche Meinung, die politischen Grundströmungen und die Entscheidungsfindungen in unseren Organisationen und Gremien von jenen Strukturen dominiert werden, die wir ruhigen Gewissens als die großen Machtmanipulatoren und Machtattraktoren beschreiben können.

    Schon im Jahre 1863 war dieses System der Geldwirtschaftsdiktatur thematisiert, bekannte und höchst wirksam.

    ”Die Wenigen, die das System verstehen, werden dermaßen an seinen Profiten interessiert oder so abhängig von seinen Vorzügen sein, dass aus ihren Reihen niemals eine Opposition hervorgehen wird. Die große Masse der Leute aber, geistig unfähig zu begreifen, wird seine Last ohne Murren tragen, vielleicht sogar ohne je Verdacht zu schöpfen, dass das System ihnen feindlich ist.”
    - Englischer Banker, London, am 28.Juni 1863 an US-Geschäftspartner

    Bei einer vergleichenden Analyse der Ahnungslosigkeiten, der Unwissenheiten, der Naivitäten und der pathologischen Selbstbetrugsmechanismen die die Menschen in der "DDR" auszeichneten und denen, die die Menschen in diesem heutigen Neuen Deutschland der Neuen Sozialen Marktwirtschaft charakterisieren, wird man wohl zur allgemeinen Verblüffung feststellen, dass es gar keiner stalinistischen Kaderfunktionärsdiktatur, keines KGB und keiner Stasi, keines ZK der SED und auch keiner IMs bedarf, um eine Gesellschaft von Dummen, Unwissenden, Naiven und pathologisch Oberflächlichen zu formieren.

    Dazu genügte
    a) die geistig-moralisch Wende von 1982 durch die Gruppe Kohl-Genscher
    b) des Reformismus und Modernismus der Gruppe Schröder-Fischer und
    c) die extremistische-fundamentalistische Etablierung der Neuen Sozialen Marktwirtschaft nach der Direktive des Josef Ackermann und der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft durch das etablierte System der Klientel- und Lobbygruppeninteressenvertretungsparlamente.

    Ein tödliches System moderner Gewaltherrschaft.

  • Wie kan ein solch seichtes Süppchen den Weg in die Handelsblatt Online Seite finden?
    Wer soll sich mehr schämen die schreibende Psychologin oder die Redaktion?
    Wolf Knalb

  • Vermutlich können nur außergewöhnlich Menschen, bzw. Menschen mit gewissen Genen, ohne jegliche Kontrolle leben ohne krank zu werden!
    Wäre es nicht so würde die Gesellschaft anders aussehen!

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