Der Werber-Rat
Leitfiguren gehen den Bach hinunter

Liquid Democracy, das ist das neue Stichwort der Politik. Gefordert wird sie von wütenden Freibeutern. Sie dringen damit auf die totale Viskosität der Willensbildung. Werden die Kampagnen damit ihre Köpfe verlieren?
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Der Chef einer Fastfood-Kette in den USA äußert sich gehässig über Homosexualität. Begeisterte Zustimmer drängten zu Hunderttausenden in seine Läden. Barack Obamas Liberalität zum Trotz bescherten sie dem Burger-Bräter ein gigantisches Umsatzplus. Abstimmung der Bürger "per Burger".

Eine neue Vokabel ist zu lernen: liquid democracy, zu Deutsch "fließende Volksherrschaft". Die Generation "Internet" weiß schon genauer, was sie bedeutet.

Vorbei die Zeit der klar gegliederten Parteienlandschaft und definierten Standpunkte. Die alten Milieus haben sich aufgelöst. Man wählt - wenn überhaupt - wie im Supermarkt aus der Befindlichkeit des Augenblicks.

Macht hatte immer ein Gesicht, oft auch eine Fratze. In allen Diktaturen der Welt hängt der Diktator in den Amtsstuben, staubig und vergilbt, aber immerhin: Hier hängt er schon mal.

Die Bonner Republik war vielleicht bieder und glanzlos, dafür aber reich an markanten Köpfen. Die Haltungen blieben, die Gesichter wechselten. Heute ist es umgekehrt: Die Köpfe bleiben, die Haltungen wechseln. Am Tag nach der Lehmann-Pleite sprachen dieselben Talkshow-Gesichter im gleichen Tonfall einfach nur weiter, allerdings nun das Gegenteil von gestern.

Jetzt fordern zornige Freibeuter die totale Viskosität der Willensbildung. Flüssigkeit im Überfluss. Abstimmung in Permanenz. Politik hochfrequent getaktet, nur existent im Augenblick des Vergehens.

Was bringt uns das? Kampagnen ohne Köpfe? Ideen ohne Leitfigur? Dafür "digital campaigning" und "liquid democracy", ein ständiges Streaming der politischen Meinungsäußerung und Willensbildung. Bei Günter Jauch saß ein Pirat mit einem Laptop. Noch während er sprach, liefen die Kommentare ein von "Heidi" oder "Peter", "Pontius" oder "Pilatus". Es war - Kleist lässt grüßen - die allmähliche Verfertigung des Denkens beim Twittern.

Kann Demokratie ohne Leitfiguren funktionieren? Gewiss doch, ja! Aber macht sie dann auch noch Spaß? An wem soll man sich reiben? Was wird aus der Elefantenrunde, wenn die nur noch als Schaltkonferenz daherkommt?

Nicht alles Alte ist antiquiert. Ein kluger Kopf, ein ehrliches Gesicht ist ein echter Hingucker, sein Werbewert nicht zu unterschätzen. Es ist wie in der Natur: Ein schäumender Bach, kurvenreich und mit kantigen Steinen, erfreut das Auge und belebt das Wasser. Die öde Betonrinne ist zwar flüssig und schnell, aber keine gute Alternative.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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