Der Werber-Rat
Lichtblick beim Art Directors Club

Erstmals ging der wichtigste deutsche Kreativpreis, der Grand Prix, nicht an eine klassische Werbekampagne. Der ADC zeigte mit der Wahl der Lichtgrenze zum Mauerfall-Jubiläum erfreulichen Mut zu Unkonventionellem.
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Mein schwarzer Fiat Panda mit Faltdach parkte vor einem Chemnitzer Tanzlokal. Drinnen war die Hölle los: Ein DJ hantierte versiert mit Tonbandkassetten, es war der helle Wahnsinn.

Zusammen mit meinen Freunden Carl-Eric und Walde machte ich im Januar 1990, nach Lektüre des „DDR Discotests“ in der Zeitschrift TEMPO, rüber. Damals, relativ kurz nach der Maueröffnung, war in Berlin diese unglaubliche Aufbruchstimmung zu spüren. Überall: Menschenmassen entlang der gewaltigen Mauer, die vor kurzem noch unser Land teilte. Überall: Leute mit großen Vorschlaghämmern, die auf das verhasste Ding eindroschen, das so viele Jahre so viele Schicksale beeinflusst und so viel Ungemach über unser Land gebracht hatte.

Wenn man heute mit jungen Leuten über die DDR und die uncoole Mauer redet, ist das alles ganz weit weg. Und unvorstellbar.

Letzte Woche prämierte der Art Directors Club für Deutschland die herausragenden Arbeiten des Jahres 2014. Der größte Kreativwettbewerb im deutschsprachigen Raum vergibt Bronze, Silber und Gold für Arbeiten, die nicht nur vorbildlich, sondern auch richtungsweisend für die ganze Branche sind. Die beste Arbeit des Jahres bekommt den Grand Prix. Diesmal ging der zum ersten Mal an keine klassische Kampagne. Und auch nicht an eine lustige, digitale oder sonst wie erwartete Arbeit.

Zudem wählte das 27-köpfige Gremium der Juryvorsitzenden den Gewinner zum ersten Mal in der 51-jährigen Geschichte des deutschen ADC im ersten Wahlgang: Und zwar die Arbeit „Lichtgrenze“ des Berliner Designstudios WHITEVoid. Die beiden Kreativen Christopher Bauder und sein Bruder Marc haben im Auftrag der Stadt Berlin das 25. Jubiläum des Mauerfalls auf ikonische und sehr berührende Art und Weise inszeniert. Vom 7. bis 9. November 2014 war die Stadt entlang der ehemaligen Mauergrenze erneut geteilt: 8.000 weiße, leuchtende, mit Helium befüllte Ballons markierten den ehemaligen Mauerverlauf, bis sie in den Nachthimmel stiegen. Die Menschen feierten ein Fest, das Berlin alle Ehre machte.

Die Vergabe des Grand Prix an eine Arbeit des Bereichs „Kommunikation im Raum“ mag für manchen überraschend gewesen sein. Höchste Zeit, dass auch diese Mauer endlich gefallen ist.

Der Autor: Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk. Er ist einer von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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