Der Werber-Rat : Medialer Freispruch unerwünscht

Der Werber-Rat
Medialer Freispruch unerwünscht

Die Unschuldsvermutung bis zum Erweis des Gegenteils ist eine wichtige Errungenschaft der Rechtsgeschichte. Sowohl Justiz als auch Presse sollten sie garantieren – auch gegen die Einschaltquote.
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Justiz und Medien – ziemlich beste Freunde? Beide haben eine unverzichtbare Rolle im demokratischen Staat. Aber die Regeln sind zu respektieren. Die Presse muss das Prinzip der „vierten“ Gewalt einfordern, aber das der Gewaltenteilung leben.

Umgekehrt müssen Staatsanwälte und Richter streng drauf achten, dass keiner von ihnen sinnvolle gelbe oder rote Linien überschreitet. Ihre wichtige Aufgabe ist, Straftaten aufzuklären und Konflikte zu befrieden, nicht, in den Medien „bella figura“ zu machen. Auch die akzeptable Absicht, in Pressekonferenz oder Hintergrundgespräch Spekulationen einzudämmen, kann das Gegenteil bewirken. Übereilige Journalisten neigen dazu, einen Anfangsverdacht für das beschlossene und verkündete Urteil zu halten.

Beide arbeiten „im Namen des Volkes“. Dazu gehört auch der Verdächtigte. Die Unschuldsvermutung bis zum Erweis des Gegenteils ist eine wichtige Errungenschaft der Rechtsgeschichte. Die Justiz muss sie schützen – auch gegen die Einschaltquote.

Die Presse tickt anders. Unschuldsvermutungen findet sie langweilig. Dass jemand etwas nicht getan hat, ist keine Schlagzeile wert. Dass er etwas getan haben könnte, weckt den Jagdtrieb, besonders gegen Prominente.

„Spiegel“ und „Sat1“ haben sich auf ihre Weise in dieser Woche ums Verstehen verdient gemacht.

Die Asymmetrie von Sachverhalt und Medieninteresse zeigt sich oft im Fortgang der Ereignisse. Der Anfangsverdacht wird lauthals vorgetragen. Der juristische Freispruch ist anders als beim Fall Christian Wulff ein Dreizeiler.

Sollte ein prinzipienfester Journalist wagen, auch der Rehabilitation einen großen Artikel zu widmen, macht man ihn lieber der Komplizenschaft verdächtig, als die eigene Vorverurteilung zurückzunehmen. Medialer Freispruch ist beim Publikum nicht beliebt. Wie heißt es in Rossinis „Der Barbier von Sevilla“: „Schuldlos geht er dann verachtet als ein Ehrenmann zugrund.“

Das Internet verschärft die Problematik. Anonymer Eifer wendet sich gegen die, die am Pranger stehen. Ein Staatsanwalt, der sich als Conférencier einer Show namens „Deutschland sucht...“ gebärden sollte, handelt im Namen dieser Zuschauer, aber kaum noch „Im Namen des Volkes“.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Präsident der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik und Vorstand der Brost-Stiftung. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat : Medialer Freispruch unerwünscht"

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  • Gestern wurde vermeldet sowas wie einen Freisruch erster und zweiter Jlasse gebe es nicht: der zweiter Klasse ist der aus Mengel an Beweisen, der erster Klasse wegen erwiesener usnchuld und/oder aus Überzeugung des Gerichtes.

    2. Klasse -> "Man konnte es ihm nicht nachweisen."

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