Der Werber-Rat
Mein moralischer Hochsitz

Skandale um Bio-Lebensmittel dürfen keine Ausrede für eigene Bequemlichkeit sein. Befürworter müssen den Fällen Begeisterung entgegensetzen.
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„Da siehst du es - auf Bio ist kein Verlass!“, hielt mir mit überheblichem Lächeln kürzlich jemand aus meinem Umfeld vor. Gemeint war ein von der Wochenzeitung „Die Zeit“ aufgedeckter Skandal, bei dem ein zertifizierter Betrieb im großen Stil konventionell produziertes Geflügel als Bio-Produkte vermarktet hatte. Ziel der hämischen Anmache wurde ich vermutlich, weil ich meine Umgebung ständig mit der Einschätzung nerve, die Deutschen seien - etwa verglichen mit den Franzosen — ein Volk geiziger Müllschlucker.

Und wenn mein Gefühl mich nicht trügt, wird mich derselbe wohlmeinende Mensch beim nächsten Treffen deswegen auch auf die aktuelle Geschichte aus der Wochenzeitung ansprechen: Ein großer Gemüsebetrieb - Vertragspartner deutscher Bio-Supermärkte - im spanischen Almería missachte systematisch die vorgeschriebenen Sozialstandards für Mitarbeiter.

Jeder Fall ist einer zu viel. Und für keinen gibt es eine akzeptable Entschuldigung: Wer sich mit Idealen und besonders hohen Ansprüchen schmückt, erntet zu Recht Zorn und Enttäuschung, wenn er sie verrät. Aber ich werde den Verdacht nicht los, dass viele Verbraucher sich über diese Art von Lebensmittelskandalen sogar freuen.

Aus der moralischen Fallhöhe der anderen strickt man sich eine Entlastung fürs eigene Verhalten zusammen. Wenn „bio“ nicht besser ist als „konventionell“, warum dann viel Geld dafür ausgeben oder gar ein schlechtes Gewissen haben? Gott sei Dank - ich kann weitermachen wie bisher.

Dabei zeigen die aufgedeckten Fälle ja nur, dass kein System unfehlbar ist und dass es überall moralisch unterbelichtete und geldgierige Verbrecher gibt - nicht, dass ökologischer Landbau an sich nichts brächte.

Wie also kommunizieren, wenn man überzeugter Bio-Anbieter oder -Befürworter ist? Bleiben Sie sachlich und transparent, vermeiden Sie missionarische oder ideologisierende Rhetorik. Aber sachlich heißt nicht nüchtern: Machen Sie Ihre persönliche Leidenschaft für die Sache überall spürbar. Vorgelebte Überzeugung kann Wunder bewirken. Ich glaube an Ansteckung, nicht an Bekehrung. Hoffentlich denke ich daran, wenn mich der freundliche Zeitgenosse wieder darauf anspricht.

Der Autor: Torben Bo Hansen ist Mitinhaber der Agentur Philipp und Keuntje.

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