Der Werber-Rat
Mit Kajagoogoo an den Wörthersee

Musik ist die meistunterschätzte Kraft der Werbung. Doch allzu oft vernachlässigen Werbetreibende die Phonetik. Dabei hat Musik die Wucht, aus einem Werbefilm einen Blockbuster zu machen.
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BerlinDie Familie wächst, das traute Heim muss umgebaut werden. Dringend.

Irgendwo zwischen Billy-Regal und Schwingschleifer entdeckte ich ein längst vergessenes Kleinod: den Tonträger „White Feathers“ von Kajagoogoo. Eine Popgruppe, die ihre besten Tage vor ziemlich genau 30 Jahren hatte. Damals, ich saß mit meiner Schwester Biggi auf dem Rücksitz des Familienwagens, waren wir uns sicher, dass das die beste Band der Welt ist. Während wir unser Urlaubsziel herbeisehnten, wendeten wir die mittlerweile stark aufgeheizte Musikkassette im noch heißeren Kassettengerät. Der Wörthersee schien längst vergessen. Und jetzt ist alles wieder präsent.

Musik ist die meistunterschätzte Kraft der Werbung. Die beste Idee ist wertlos, wenn die Umsetzung nicht sitzt. Wir schielen neidisch nach Amerika und Großbritannien, beklagen mangelnde Wertschätzung und fehlende Budgets. Zu oft ist gerade noch Geld da, den aufgeschriebenen Film ordentlich zu verfilmen. Musik? Ach so. Gibt es heute ja für kleines Geld. Gibt es eben nicht! Leute, habt den Mut, in Gänsehaut zu investieren. Die richtige Musik hat die Wucht, aus einem Werbefilm einen Blockbuster zu machen.

Die richtige Musik kann kleinen Geschichten Größe geben. Vor allem aber schafft sie eines: Sie öffnet neue Schubladen im Kopf, im Bauch und in den Herzen schneller, als es Markt-und Hirnforscher zusammen messen können.

Meine persönliche Youtube-Playlist für Zweifler: Lacostes „The Big Leap“, Vodafones „More Power“, HBOs „Diner“, Hondas „Impossible Dream“: Allesamt Meisterstücke, allesamt Puls- und veritable Klickbeschleuniger.

Natürlich hat auch diese Sache einen Haken. Gute Songs kosten Geld. Und die darbende Musikindustrie weiß um den Wert phonetischer Kassenschlager.

Es lohnt sich also, sehr früh Kontakt zu Künstlern aufzubauen. Nicht selten werden unbekannte Bands durch große Rotation und Sichtbarkeit im Werbeblock über Nacht zu Stars. Und erst dann unbezahlbar.

Ich greife zum Akkuschrauber und flippe aus: Neben Kraftwerks „Computerliebe“ steht Malcom McLarens Meisterwerk „Paris“. Ich fürchte, Antons Kinderzimmer wird nicht pünktlich fertig werden.

Der Autor:

Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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