Der Werber-Rat
Moderne Märchen – der Traum der jungen Generation

Vor gut eineinhalb Jahren startete die Buchreihe „Fifty Shades of Grey“ von E.L. James ihren Erfolgszug durch die Welt. Immer noch findet sich die Trilogie auf den Bestsellerrängen ganz weit oben.
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Die Buchreihe „Fifty Shades of Grey“ von E.L. James sorgte für Aufregung in den Medien. Frauen, besonders die erfolgreichen, hätten, so hieß es, besonderen Spaß an sexueller Unterordnung. Inzwischen sind die Bücher in Deutschland zu den am häufigsten gelesenen in der Gruppe der 16- bis 19-Jährigen avanciert. Nach der Twilight-Saga, die diese Gruppe mehrere Jahre in ihrem Bann hielt, ist das zumindest scheinbar eine Überraschung.

Twilight war stark von Enthaltsamkeit und dem Warten auf die große Liebe geprägt. Weil das Leben der körperlichen Liebe mit dem Vampir zum Tod geführt hätte, wurde Warten zum Generationsprinzip. Nun vollzieht diese Altersgruppe eine 180-Grad-Wende? SM statt zölibatärer Lebensstil? Haben die jungen Menschen sich derart verändert? Wohl kaum. Denn beide Medien-Märchen haben psychologisch einen vergleichbaren Kern.

In der Twilight-Saga geht es immer um die Beherrschung der eigenen Gefühle. Sämtliche niederen „Triebe“ sollen kontrolliert werden. Sowohl das Animalisch-Wölfische als auch das Gierig-Blutsaugende wird als beherrschbar dargestellt. Allen Versuchungen zu widerstehen verspricht nicht nur die Kontrolle über die eigenen Gefühle, sondern auch Macht über andere Menschen. Die mächtigste Person, findet sich hier in der Gestalt eines scheinbar „unschuldigen“ Mädchens.

Genau dieses Machtthema wird bei Shades of Grey weitergespielt. Nur dem Anschein nach ist die unerfahrene Anna dem sadistischen Geschäftsmann Grey unterlegen. Scheinbar unterwürfig übernimmt sie in der Beziehung die eigentlich führende Rolle.

Letztlich bekehrt sie ihn, bringt ihn dazu, von seinen sadistischen Spielen weitestgehend abzulassen, und gründet mit ihm eine Durchschnittsfamilie nach Bilderbuchschema. Das Reine und Unschuldige kann wollüstige Gier in die Schranken der Liebe und Ehe weisen. Freilich spielt das Ganze im modernen Märchenschloss und unermesslichen Reichtum.

Trotz ihres ausschweifenden Gewands sind die Medien-Märchen letztlich moralisch. Und die Moral ähnelt Altbekanntem: Das Gute besiegt das Böse. Nur dass die modernen Hexen eben die eigenen ungeheuerlichen Triebe sind, die es zu beherrschen gilt, um ein persönliches Allmachtgefühl entwickeln zu können.

Die Autorin:

Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons.

Ines Imdahl ist Psychologin sowie Inhaberin und Geschäftsführerin des Rheingold-Salons. Quelle: Ulrike Reinker
Ines Imdahl
/ Psychologin, Inhaberin Rheingold Salons

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