Der Werber-Rat
Mut zur Inkontinenz

Für manche Themen will niemand gern werben. Bis einer kommt, der etwas Großartiges macht – und beweist, dass mit guter Kommunikation so gut wie alles möglich ist.
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Es gibt Aufgaben, um die kloppen sich Kreative. Für große Marken zu arbeiten, die sichtbare Kampagnen machen, das will jeder, der sich mal für diesen Beruf entschieden hat. Die Top Ten der wertvollsten Marken der Welt gehören auch zu den begehrtesten Auftraggebern. Nicht nur weil sie Geld haben, sondern auch weil sie gute Kommunikation machen. Wer will nicht für Apple, Coke, Google oder die prestigeträchtigen Automarken arbeiten? Wer hätte nicht gern eine Kampagne für Nike, Adidas oder die großen Telekommunikationsanbieter entwickelt?

Weit weniger reizvoll ist es, für Waffenhändler, Atomkraftwerksbetreiber oder Hersteller von Hygieneartikeln für Männer mit Inkontinenzproblemen zu arbeiten. Für die ersten beiden mag das gelten. Beim Thema Inkontinenz muss ich widersprechen. Weil es dafür gerade so ein fantastisches Gegenbeispiel von den englischen Kollegen gibt. An dieser Stelle kommt wieder das Lamento, dass englische Werbung viel origineller ist. Weil das manchmal einfach stimmt. Das Briefing „Bitte bewerben Sie Windeln für inkontinenzgeplagte Männer“ hätte in Deutschland sicher zu einem Spot geführt, der zwischen den Mainzelmännchen gezeigt wird.

Die sind sonst zuständig für Haftcreme, Schmerzsalben und Treppenlifter. Sicher hätte ein attraktiver Mittsechziger mit sonorer Stimme davon berichtet, dass er sich dem Thema endlich gestellt und jetzt die Lösung gefunden hat. Oder wir würden Lifestyleszenen sehen, in denen ein Best Ager seinen Best-Ager-Aktivitäten nachgeht, und am Ende würde er so etwas sagen wie „Sich endlich wieder sicher fühlen!“. Die englischen Kollegen haben für Tena Men dagegen einen extrem unterhaltsamen, überzogenen und saukomischen Spot gemacht. Er zeigt einen älteren Mann, der alles, wirklich alles unter Kontrolle hat.

Löwen machen Sitz, wenn er es befiehlt, er kann mit Motorsägen jonglieren, auf Wasser steppen, und Babys hören auf zu schreien, wenn er es will. Er hat alles unter Kontrolle, auch sein Inkontinenzproblem. Das ist so locker, selbstbewusst und unverkrampft, dass gleich das ganze Thema aus der Krampfecke raus ist. Es gibt keinen Auftraggeber, der zu nischig oder zu spießig ist. Es gibt nur Kreative, die sich zu wenig trauen. Und Kunden ohne Mut.

Die Autorin ist eine von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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