Der Werber-Rat
Nächster Halt Absurdistan

Mainz war für die Bahn der kommunikative Gau. Warum tun sich Mitarbeiter oft so schwer, ihrem Unternehmen zu helfen? Angestellte haben gelernt: Sich persönlich ins Zeug zu legen, lohnt nicht.
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DüsseldorfDie Deutsche Bahn hat im alljährlichen Nachrichtenloch die Festspielleitung des Sommertheaters übernommen. Acht urlaubsreife oder krankgeschriebene Stellwerker genügen, um einen Dreihunderttausend-Mann-Konzern Hohn und Spott auszusetzen und Tausende Fahrgäste wochenlang aufs Abstellgleis zu schieben. Der kommunikative Sommer-GAU. In seiner Not greift Zugführer Rüdiger Grube zum Telefon, um die Mitarbeiter zu Hilfe und Ferienabbruch zu bewegen. Reflexartig springt der Vorsitzende der Eisenbahngewerkschaft vor die Medien, um für den wohlverdienten Urlaub der Bahnbeamten zu kämpfen, koste es, was es wolle.

Willkommen in Absurdistan. Wir Kunden sitzen in der Wartehalle, betrachten das Trauerspiel und fragen uns, wie sich der Stellwerker im Urlaub fühlt und warum niemand auf den Gedanken kommt, seinem Unternehmen zu Hilfe zu eilen. Gleichgültigkeit ist aller Ende Anfang. Eine Krankheit namens innere Kündigung schwappt über unser Land. Sie kostet deutsche Unternehmen geschätzte 130 Milliarden Euro. Management, Gewerkschaften, Unternehmensberatungen und Medien haben ganze Arbeit geleistet. Die angestellte Bevölkerung hat gelernt: Sich persönlich ins Zeug zu legen, lohnt sich nicht. Individuelle Antriebsschwäche wird zum Bremsklotz der deutschen Wirtschaft.

Mit Regulierungswut steuern die Unternehmen dagegen und streuen weiter Sand ins unternehmerische Getriebe. Misstrauen, Kontrollsucht, Globalisierung - es gibt tausend gute Gründe für neue Vorschriften. Heute wird selbst die Begrüßung am Telefon vorformuliert und auswendig gelernt. Doch wenn alles vorgeschrieben ist, lässt die eigene Aufmerksamkeit nach. An Ampeln geschehen mehr Unfälle als im Kreisverkehr. Die Anordnung von oben fördert Dienst nach Vorschrift statt Dienst nach Verstand. So dauert es nur wenige Monate, bis sich das eigene Verantwortungsgefühl wie eine Brausetablette auflöst. Kunde hin oder her, der Verkäufer schließt den Laden vorschriftsmäßig um sechs. Auf dem Fußballplatz gewinnt man nur, wenn jeder für den anderen rennt. Ein bisschen mehr Trapattoni wäre gut: "Ich bin der Trainer, nicht Pontius Pilatus", sagte der Maestro und holte die deutsche Meisterschaft.

Der Autor:

Frank Dopheide ist Inhaber der Agentur Deutsche Markenarbeit. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Nächster Halt Absurdistan"

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  • Was ich hier vermisse ist die Antwort auf die Frage "Was muss sich ändern?"
    Zu wenig Regulierung führt zu Chaos und das hat die Deutsche Bahn genug. Was soll ein Ausländer denken der nach Deutschland kommt und an einem Bahnhof steht? Vielleicht: Gut der Zug hat Verspätung, dann habe ich noch Zeit für eine Bratwurst?
    Somit ist die Frage wie kann man Menschen wieder Motivieren mehr zu arbeiten. z.B. Überstunden oder Urlaubsverzicht geringer Besteuern. -mehr Überstunden können heute dazu führen das man in eine andere Steuerklasse gerät und sogar weniger hat!
    Menschen die mehr leisten wollen fördern und nicht das Wasser abgraben, wer merkt das er mit Dienst nach Vorschrift ohne eigenes einbringen klar kommt baut auf Langesicht ab, warum bemühen, das geht doch auch so.

  • So wie Firmen das Schicksal der Mitarbeiter Sch... egal ist, so ist den Mitarbeitern mittlerweile das Schicksal der Firmen Sch...egal. Daran haben die "Leistungsträger" Bosse, Vorstände und Politiker erfolgreich gearebeitet. Und das ist gut so.

  • Auf meinem Mettbrötchen war zu wenig Mett, so geht das nicht, deshalb wähle ich AfD

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