Der Werber-Rat
Nährboden für Geschichten

Glatt geschmirgelte Kampagnen sind so spannend wie die Füße von Annemarie Carpendale. Diese sorgen zumindest für ein wenig Aufregung im Werber-Sommerloch. Ein Plädoyer für Ecken und Kanten in der Kommunikation.
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Man kann sich nur über das Sommerloch wundern. Wenn schon Füße von Frau Carpendale als Anlass für einen mittelprächtigen Shitstorm reichen, scheint wirklich nichts los zu sein. Auch werbemäßig scheinen wir uns im Epizentrum großer Ferien zu befinden. Keine Skandal-Kampagnen in den Werbeblöcken, irgendwie plätschert alles seelenruhig durch den August. Kurs halten?

Viele Kampagnen wurden so lange optimiert, bis wirklich jede Kante weggeschmirgelt und die Arbeit auf Stromlinie war. Obacht! Hier findet die alte schwäbische Regel "Wer jedermanns Liebling sein will, wird zu jedermanns Dackel" Anwendung.

Diese, ursprünglich von Manfred Rommel ersonnene Maxime, wirkt weit über den Stuttgarter Talkessel hinaus und erfreut sich bis zum heutigen Tage größter Gültigkeit.

Zum ersten Mal hörte ich diesen Merksatz auf einer Autofahrt mit meinem besten Freund und dessen Vater, einem ausgewiesenen Rommel-Kenner. Wir fuhren in einen Bergsteiger-Urlaub in seinem betagten, aber scheckheftgepflegten BMW. Der beigefarbene Wagen hatte viele Jahrzehnte auf dem Buckel, aber noch keine 5 000 Kilometer auf dem Tacho.

Allerdings hatte der Vater meines Freundes einmal ein kleines Malheur mit der Heizung - und ließ nach erfolgter Reparatur den Regler "sicherheitshalber" auf 24 Grad stehen. So rollten wir schwitzend Richtung Matterhorn. Während der Fahrt versuchte der Vater nun, uns mit allerlei Lebensweisheiten zu zerstreuen und so von der etwas kauzigen Temperaturgeschichte abzulenken.

So lernte ich den Satz vom alten Rommel. Und er bleibt immer mit dieser Reise verknüpft. Weil die Umstände alles außer gewöhnlich waren. Dieses im Fond des bayerischen Saunawagens erworbene Wissen funktioniert auch ganz hervorragend in der Werbung.

Fassen Sie sich ein Herz und treffen Sie mal wieder eine mutige Bauchentscheidung: Bekennen Sie sich zu Ecken und Kanten in Ihrer Kommunikation. Denn Marken und Botschaften mit Profil bleiben tausend Mal besser in Erinnerung. Und sind meist der Nährboden für Geschichten, die man sich gern am Lagerfeuer und in sozialen Netzwerken weitererzählt. In überhitzten Familienkutschen natürlich erst recht.

Der Autor ist einer von sechs Kolumnisten, die an dieser Stelle im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Der Autor:
Armin Jochum ist Vorstand Kreation und Co-Gründer der Agentur Thjnk. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

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