Der Werber-Rat
Nervöse Kreditinstitute

Bei der Prüfung der Kreditwürdigkeit wird kaum etwas preis gegeben. Daher recherchiert die Schufa mittlerweile im Internet - die Generation „Facebook“ gesteht sowieso alles.
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Wer die Kreditwürdigkeit von Firmen und Privatpersonen prüft, braucht nichts nötiger als Kreditwürdigkeit. Der Prüfling denkt über seine Bonität - gefühlt - ganz anders als das nervöse Kreditinstitut. Freiwillig erschöpfend Auskunft gibt kaum einer.

Man sucht das Heil im Sammeln möglichst vieler Daten. Mancher faule Kredit wird verhindert, aber wie im richtigen Leben bleiben auch hier die Flops nicht aus. Der Ehrgeiz der Optimierer erwacht.

Irgendwann reichen die Belege über Verschwendungssucht oder träge Ratenzahlungen nicht mehr aus. Man möchte das Objekt der Neugier genauer kennen. Sachliche Information und Analyse schlägt um in den Traum aller Schnüffelsucher, vorbeugend zu ermitteln und die böse Tat zu erkennen, bevor sie geschieht. Was technisch machbar und (noch) erlaubt ist, wird gemacht. Anderes würde als Managementversagen ausgelegt.

Da musste eines Tages der Suchscheinwerfer der Schufa und der vielen, die es längst, aber leiser machen, auf die sozialen Netzwerke fallen. Wozu die "feinen" Indizien sammeln. Sie liegen längst vor. Milliardenfach werden sie freiwillig angeliefert. Die fröhliche Community der "Generation Facebook" ist rückhaltlos geständig. In den Servern stapelt sich alles, was man so braucht: Charaktereigenschaften, Temperament, Lebensgeschichten, Freizeitgewohnheiten, Vorlieben aller Art und Vernetzung mit Freunden und Bekannten. Gelegenheit macht Diebe.

Kein Problem für die fröhliche Community der Softwareentwickler auf der anderen Seite. Sie mixen daraus ein personen-identisches Gebräu. Der vollverglaste Antragsteller ist virtuell markiert.

Das Web ist nicht nur ein wunderbares Instrument und ein Gipfelwerk menschlicher Erfindung. Es ist eine neue Wirklichkeit, die sich auch alten Wirklichkeiten unterwirft. Tugenden wie Ehrlichkeit, Respekt vor geistigem Eigentum oder Schutz der Privatsphäre korrodieren auf breiter Front. Ein Minimum an Scham muss sich die Gesellschaft erst zurückerobern. Pirat Holzauge sei wachsam.

Im Stasi-Museum an der "Runden Ecke" in Leipzig zeigt man in Hunderten von Schraubgläsern die eingeschlossenen Duftproben potenzieller Republikfeinde der DDR. Sie wurden gesammelt und verwahrt, um bei Gelegenheit zugreifen und überführen zu können: Schnüffelsuche im reinsten Sinn des Wortes.

Die Mielkes hatten nicht Fantasie genug, sich die heutigen Möglichkeiten vorzustellen: Millionen Überwachungsobjekte in aller Welt, und jeder sein eigener IM.

Der Autor:

Bodo Hombach ist Hochschullehrer und ehemaliger WAZ-Chef. Er ist einer von fünf Kolumnisten, die im täglichen Wechsel über Kommunikation schreiben.

Kommentare zu " Der Werber-Rat: Nervöse Kreditinstitute"

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  • Wenn mal jemand die Pressemeldung von denen gelesen hätte, wäre aufgefallen, dass niemand davon gesprochen hat, diese Daten zu verwenden. Es ging wohl um die wissenschaftliche fundierte Klärung der Frage, OB diese Daten überhaupt sinnvoll nutzbar sind, wenn ja, WELCHE Daten eine Aussage treffen UND (!) eine "Prüfung der rechtlichen und ethischen Rahmenbedingungen". Wenn ich das richtig lese, sollte sogar alles veröffentlicht werden. Ich verstehe daher den Vorwurf der Medien nicht ganz, denn das wäre eine interessante Diskussion geworden. Jetzt wird folgendes passieren: da alle kleinen Datensammler wissen, wie sensibel das Thema ist, werden die schön im Kämmerlein sowas machen und niemand wird öffentlich diese extrem wichtigen Fragen klären!

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